Begegnungen mit dem Tod

 

Begegnungen mit den Tod


Nihat sah das Blut noch an der Außenseite der Wohnungstür kleben, als die Beamten von der
Jugendbehörde ihn zu einer Auffangstelle mitnahmen. Seine Mutter war umgekommen durch die
Messerstiche des Vaters. Nihats Papa starb kurz darauf noch in der Untersuchungshaft; die
Todesursache war Herzversagen.

 
Nach diesem Familiendrama (bei der einen Bevölkerungsgruppe sagt man „Ehrenmord“ ; bei
anderen ist es „nur“ ein „Familiendrama“) war Nihat für einige Monate in Obhut seiner bereits
erwachsenen Schwester . Als er dreizehneinhalb war, sahen wir uns das erste Mal und wir
begrüßten uns höflich. Er war ängstlich und unsicher, konnte mir jedoch offen in die Augen
sehen und was ich darin glänzen sah, waren Einsamkeit und Respekt.

  
So fing das an mit uns.

 

Er hatte einen Kloß im Hals, wie er mir später an einem von den „Weißt-
Du-noch-Tagen“ erzählte und ich war damals natürlich auch unsicher, aber ich dachte: „Das
wird bestimmt nicht einfach nach einem solchen Erlebnis, aber er zeigt wirklich Respekt vor
Älteren- eine gute Basis, um sich vertrauen zu können. Vielleicht werde ich ihm später einmal
den Vater wenigstens zum Teil ersetzen, falls das überhaupt geht.“
So kam das dann ein paar Jahre später.

 

Er machte mir ein Angebot, daß ich nicht ablehnen konnte, wie man so schön sagt, denn da nannte er mich „Vater“.
Mir war klar: hätte ich das nicht annehmen können, wäre es aus mit uns gewesen.

 

Ich meinte:
„Ich bin´s zwar nicht im biologischen Sinn, aber wenn du´s haben willst, kannst du das
bekommen: So eine Art Ersatzpapa vielleicht, obwohl man Väter ja nicht ersetzen kann. Aber
ein bißchen geht schon.“

 

„Das ist gut.“, meinte er und damit war klar, daß ich zwar nicht sein
Vater bin, aber durchaus das aus der von ihm so betrachteten Vaterrolle übernehmen kann, was
dem Jungen gut tat und was er auch anforderte.

 

Dadurch gewann er später eine ganze Menge Sicherheit: zum Beispiel, als ich mal beim Berufsbildungswerk vorsprach und mich als „Nihats Ersatzpapa“ bzw. „Betreuer“ vorstellte. Damit hatte bekam Nihat Oberwasser und der Leiter der
Einrichtung brach für ihn später zahlreiche Lanzen, da er nun sein Schicksal kannte.

 

Das hat Nihat ihm nicht vergessen und ich auch nicht. Herr M.  ist nun auch schon tot. Herzinfarkt.

 

„Mann, der war so in Ordnung.“, meinte Nihat.

  
Nach einer recht kurzen Zeit von etwa einem Vierteljahr fühlte sich Nihat recht wohl bei uns und
wollte erstmal nicht wieder weg.

 

Wohin auch?, wie er sagte. Er ging jeden Tag zur Schule und da
hatte er´s verdammt schwer, weil der Lehrstoff bei uns in keiner Weise dem vorigen glich und
alles viel viel schwieriger war.

 

Er kam mit Dingen in Berührung, von denen er nicht die geringste
Ahnung hatte, nahm sich aber vor, folgsam zu sein und was zu lernen, so gut es ging.

  
Er war geduldiger als die meisten seiner Lehrer, die uns ständig wegen irgendeiner Lappalie in
den Ohren lagen, so daß ich schon mal mit der Faust auf den Tisch haute, als man uns wieder
mal einbestellte, anstatt mit dem Jungen ein paar intelligente Sätze zu wechseln. Aber wie soll das
auch gehen, wenn man einen Jungen von vornherein für dumm hält, weil ihm vielleicht das
Rechnen schwerfällt?

  
Nach diesem Vierteljahr passierte Folgendes: Nihat kam nach Hause, sprach wenig; nur das
Allerwichtigste, ging in sein Zimmer, legte die Tasche in die Ecke und legte sich bäuchlings auf´s
Bett- in der Regel bis zum Abendessen. Danach sprach er noch ein bißchen mit den anderen
Bewohnern und legte sich wieder so hin. Um neun, halb zehn zog er sich aus und kroch ganz ins
Bett.
Dabei wollte er nicht gestört werden und ich hielt die Kollegen dazu an, ihn in Ruhe zu lassen,
denn sonst konnte er verdammt knurrig werden.

  
Unter den Kollegen hieß es: „Nihat ist faul, kümmert sich um nichts und liegt den ganzen Tag
nur ´rum.“ Ich war ersteinmal anderer Meinung: er suchte Ruhe und das würde wohl auch seinen
Grund haben. Immerhin hatte er einen ziemlichen Streifen mitgemacht.

  
Herr K. , ein Förderschuldirektor einer anderen Schule, den ich um Rat fragte, erteilte mir
glücklicherweise noch eine Lektion in Heilpädagogik, die mich bestätigte. Nihat kotete auch
öfters ein, im Schlaf und auch tagsüber ein wenig. Der Mann sagte, wir sollten es als Beginn eines
Heilungsprozesses auffassen. Das fand ich gut und vor allem menschlich:  viel besser, als dem
Jungen Stress zu bereiten.

  
Einen Anfang hatte ich ja bereits gemacht, indem ich sein Ruhebedürfnis respektierte.

  
Ich war der Meinung, daß er eines Tages wieder aufstehen wird und was das Einkoten betraf, so
sprach ich ihn einmal in einem geeigneten Moment etwa ein Jahr später an und teilte ihm mit,
daß ich bemerkt hatte, daß seine Bettlaken und Unterhosen öfters mal angeschmutzt sind und
„Bremsspuren“ haben.

„Jaja, daß stimmt, aber sag´ den anderen nix davon“, meinte er.

 

„Naja, das geht die nun wirklich nichts an. Aber was wollen wir machen? Soll ich dir die Wäschekammer
auflassen, so daß du dir immer ein sauberes Laken holen kannst, wenn mal was daneben geht
oder sollen wir einige Bettlaken in deinen Schrank reintun, zum Wechseln?"

  
„Das wär´ nicht schlecht“, meinte er, „mir ist es manchmal peinlich, weißt Du. Ich mag nicht,
wenn die anderen das sehen.“

 

„Müssen sie auch nicht. Was wollen wir machen? Wäschekammer
auf, Bettlaken in den Schrank oder beides?“

 

„Beides, wenn´s geht.“

 

„Geht schon.“

 

Die Wäschekammer brauchte er nach kurzer Zeit nicht mehr, er kam auch mal außer der Reihe und
fragte nach, ob er mal ein neues Laken haben kann.

  
Ich gab ihm dazu die Garantie, daß er immer saubere Unterhosen haben kann- falls wir welche
nicht mehr sauberbekommen, würde ich irgendwo Geld locker machen und wir würden frische
Unterhosen besorgen, so daß er sich kleiden kann.
Nach ungefähr zweieinhalb Jahren hatte Nihat nur gelegentlich und nicht täglich „Bremsspuren“
in der Unterhose.

  
Ungefähr eineinhalb Jahre, nachdem wir uns das erste Mal über den Weg liefen, stand Nihat
wieder auf- für mich wirklich eine Art Wiederauferstehung.

  

Er war noch längst nicht über alles hinweg- wie soll das auch gehen?- aber er stand auf, lief
herum, konnte ´rumalbern, erzählen, suchte Kontakt und beschäftigte sich mit den anderen
Jungs, baute mit den anderen eine Hütte und so eine Art Seifenkiste, mit der sie die
Stadt unsicher machten, beschäftigte sich intensiv mit Breakdance, mit Modellautos und
irgendwann natürlich auch mit jungen Damen; außerdem mit Dingen, über die ich gar nicht gut
Bescheid weiß...ich wäre sonst vielleicht verpflichtet gewesen, ihm Schwierigkeiten machen zu
müssen. Fünf etwa gleichaltrige Typen, die ihn als „Döner“ usw.. bezeichneten, hat er ein
bißchen verhauen und Beine gemacht.

 

„Ich hab´ die Typen die Tage wiedergetroffen, aber ich
bin nicht mehr sauer auf die, Thomas. Ich kann nur diese Scheiß- Nazis nicht leiden. Die Typen
da sind keine, das ist erledigt, ehrlich! Ich bin nicht nachtragend.“

  
Und er war´s auch nie, auch dann nicht, wenn wir uns mal stritten, weil er oder ich unseren
Dickkopf wieder mal durchsetzen wollten.

 

Er konnte allerdings sehr jähzornig sein, so daß es gefährlich wurde -auch für mich- und ich
sprach´s immer wieder an und thematisierte „Gewalt“ und „Zorn“ . Wut macht blind und da
hatten wir wirklich Gesprächsstoff. Ich hatte Angst, daß er in seinem Zorn womöglich einen
Menschen totschlägt und teilte es ihm mehrfach mit, auch, daß sein Bestreben dahin gehen
müsse, sich zu beherrschen. Und weil ich nicht gerne Krankenbesuche mache und auf
Beerdigungen überhaupt nicht gerne gehe.

  
Im Büro hatte ich damals eine Figur von Ghandi stehen. „Wer ist das?“. Ich erzählte es ihm in
den Grundzügen. Das war zunächst unfaßbar für ihn. Bis in der Schule die Rede vom großen
Mahatma war. Das hatte ihm imponiert. Er kam eines Tage nach Hause und meinte: „Thomas,
der Ghandi hatte wirklich verdammt recht! Ich wird´s ab heute so machen wie Ghandi! Du mußt
mir dabei helfen.“.

  
Ich war bestimmt nicht Ghandi und Nihat auch nicht, aber wir waren bereit, den Weg des
Friedens zu gehen. Alleine konnte ich ihm aber auch nicht ganz helfen- er bekam u.a. vom
Jugendrichter zwei Sozialtrainings zugesprochen, die er als Lernchance ernst nahm und die daher
wirklich auch halfen. Er berichtete mir immer ein wenig davon und vermöbelte fortan keine
Leute mehr, jedenfalls keine, von denen ich wußte. Es waren wichtige Schritte, um die
Friedfertigkeit zu üben.

 
Er wollte noch vieles von mir wissen, wir waren auch mal in Buchenwald, wo ich extra wegen
und für Nihat eine Führung machte. Das Buchenwalder Personal machte wegen uns fünf Figuren
keine Anstrengungen, was ich erbärmlich fand. Also tat ich es selbst, zumal ich mich da oben gut
auskannte.

  
Weil ich ja in meiner Dienststelle wohnte, waren wir ungefähr vier Jahre lang Hausgenossen und
so bekamen wir alles Wichtige mit, was wir taten und dachten, weil wir uns allerhand erzählten:
Von unserem vorigen Leben, wie das damals mit den Eltern war, wie wir aufwuchsen, denn
Nihat fragte mich viele Dinge und ich gab bereitwillig Auskunft.

  
Am schönsten war dies, wenn wir wirklich Muße dazu hatten und ich auch mal die Zu-Bett-
Geh- Zeit überziehen konnte, denn abends fällt einem Jungen noch mancherlei ein, was ihm auf
der Seele liegt und da ist man froh, wenn er bereit ist, es einem mitzuteilen und geht daher einige
Stunden später in´s Bett, auch wenn einem schon die Augen zufallen wollen und der nächste Tag
wieder lang wird. Was sein muß, muß sein und gepetzt wurde nicht.


Als Nihat fünfzehn war, waren die Hosen noch öfters voll und er wollte Pilot werden.

 
Über den Tod der Eltern konnte er nur oberflächlich sprechen, mehr war nicht drin.
Reflektierende Gedanken taten wohl zu weh.


So mit sechzehn, siebzehn kam ihm nach und nach die Idee, Bestatter zu werden. Da öffnete er
sich zum Thema „verwaist sein“ und „Tod“ langsam, aber sicher.

  
Gegenüber vom Haus befindet sich ein Friedhof. Da ging er immer wieder hin, schaute sich die
Gräber an, unterhielt sich mit den Jungs oder mit mir darüber und sie gingen auch öfters mal in
die Leichenhalle im Friedhof, weil dort hin und wieder Aufgebahrte lagen. Davon erzählte er mir
immer und dann nahm er mich mal mit und fragte mich alles mögliche: Warum der Körper
vergeht, ob es eine Seele gibt, was mit den Toten passiert, wozu die Priester da sind, in welcher
Himmelsrichtung die Toten liegen und vieles mehr. Ich habe ihm auch mal gesagt, daß ich nicht
unbedingt Angst vor dem Tod habe, nur vor dem Sterben. Beides darf kein Tabu sein. Es wäre
genauso falsch, wie zum Beispiel Sexualität totzuschweigen. Die gibt es ja auch. Ich habe seine
Fragen geduldig beantwortet und wenn ich etwas nicht wußte, habe ich´s gesagt oder wir haben´s
uns angesehen und ´rausgefunden.

  
Das Leben nach dem Tod habe ich ihm nicht in Aussicht gestellt (das halte ich für sehr gewagt
und steht mir nicht zu), aber ich habe ihm auch gesagt, daß ich es nicht für völlig ausgeschlossen
halte.

  
Berührungsängste hatten wir beide nicht, zumal seine Neugierde wach war. Wir sind auch mal in
eine Rhöner Barockkirche ´rein, denn er wollte mal wissen, wie es in einer Kirche aussieht.
Zufällig stand eine Leiter herum, auf der wir hochgestiegen sind und uns die schöne alte Orgel
von hinten betrachtet haben.

 

 
Jedenfalls hatte ihn der Tod sehr beschäftigt. Was ihm am Bestatterberuf gefallen hat, war:
Tote würdig zu behandeln und zu versorgen. Er meinte, jeder Tote hätte ein Recht darauf und sie
dürften nicht in einen Massengrab verscharrt werden. Leute, die so etwas tun, seien in der Regel
Verbrecher. Da waren wir uns schon einmal einig.

  
Trauernde zu trösten und ihnen behilflich zu sein war sein Wunsch. Er meinte, er hätte ja
Erfahrung damit.

  
Daran merkte ich, daß er praktisch über sich hinaus gewachsen war, denn sich zuzutrauen,
jemand trösten zu können, der einen Verstorbenen zu beklagen hat, ist ein Riesending für einen
Jungen, der vor kurzem verwaist war. Auch, wenn dieses Berufziel für ihn wohl kaum zu
erreichen ist aufgrund fehlender Bildung und der Jahre, die man ihm gestohlen hat, so daß man
keinen Hauptschulabschluß nachmachen kann, obwohl man es gerne möchte und das Zeug und
den Willen dazu hat.

 
Das Thema „Nationalsozialismus“ war ebenfalls durchgängig bei uns und Aufklärung darüber
halte ich von größter Wichtigkeit.
Ich stellte fest, daß seine Empathiefähigkeit sprunghaft zunahm.

 

Der Buchenwaldbesuch tat auch etwas dazu.
Das war an einem kalten Dezembertag im Winter 2004. Gegen meinen Rat trug Nihat zu leichte
Kleidung („Auf dem Ettersberg zieht´s. Zieht euch lange Unterhosen und vernünftige Jacken
an.“). Ich ließ ihm listigerweise seinen Willen. Ich hätte sowieso kaum eine Chance der
Einrede gehabt. Bereits auf dem Appellplatz meinte er: „Mann, was müssen die hier gefroren
haben!“. An der Tafel, wo die Nationen der Gefangenen festgehalten sind, legten wir Blumen
hin, rote Rosen und rote Nelken hatte ich mitgebracht. Nihat las die Tafel und meinte:
„Guck´mal, wo die alle herkamen, sogar aus der Türkei und Marokko! Und die Tafel ist ganz
warm!“ Er hielt die Hand darauf. Drumherum lag Schnee. Die Tafel war beheizt. Später habe
ich´s ihm verraten. Als er die Hand darauf hielt, fühlte er sich tief verbunden mit den Opfern,
was mich wiederum wirklich angerührt hat.

  
Im selben Jahr hatte Nihat Visionen.

 

Zuvor bemerkte ich bereits, daß er abends und nachts
öfters unruhig war, gegen seine Gewohnheit.

 

Irgendwas beschäftigte ihn.
Ich ging rauf zu ihm und sah mal nach.

  


„Nihat, was ist los, bist Du krank?“

  
„Nee. Ich bin nicht krank. Ich hab´ was gesehen. Du wirst´s nicht glauben.“

  
Ich setzte mich auf´s Bett.

  
„Erzähl´ mal. Hast Du was geträumt?“

  
„Nee. Nicht geträumt. Ich hatte Besuch, bis vor zehn Minuten ungefähr. Meine Großmutter war
hier.“

 

„Wie jetzt- ich denk´, die ist gestorben?“

 
„Ja, Mann, aber die war gerade hier. Wir haben uns unterhalten. Ich hab´ sie richtig gesehen!
Richtig miteinander gesprochen. So wie wir jetzt. Das geht schon lange so.“

 
Was sollte ich davon halten? War er auf den Weg in den Käfig? Wurde er psychisch krank, hatte
er eine Psychose? Schizophrenie oder so etwas?

Das war schon möglich, aber ich behielt ersteinmal alles für mich, denn hier war nichts gefährliches  und ich verriet an niemanden etwas, nur an meine damalige Lebensgefährtin, der ich das Versprechen abnahm, dicht zu halten und möglichst neutral zu bleiben.

 
Carlos Castaneda hatte mal in einem seiner Bücher geschrieben, daß Träume keine Schäume sind,
sondern nur eine andere Wirklichkeit, genauso real wie das, was die "Weißen" „Realität“ nennen.
Egal nun, ob er „gesponnen“, „geträumt“ oder etwas „gesehen“ hatte: was er mir mitteilte, war
seine Wirklichkeit, also nahm ich sie ernst und ich nahm sie an.

 
Er schwindelte mich nie an, jedenfalls nicht wegen sowas.

 

Höchstens, wenn er mal gut angeheitert heimkam und mir erzählen wollte, er hätte zwei Bier getrunken.

 

Oder mir mein Feuerzeug klaute und es zwei Stunden später wieder hinlegte. DA konnte es sein, daß er mich
anflunkerte und mir etwas vormachen wollte, aber nicht über etwas, was sein Seelenleben betraf.
Dazu war er wiederum zu ehrlich.


Jedenfalls erzählte er mir vom Besuch seiner verstorbenen Großmutter väterlicherseits. Sie sei
ihm nicht zum ersten Male erschienen. Die Erscheinung war so: recht plastisch, auch farbig, so
wie ganz normale Leute, als Erscheinung auch transparent, wenn auch nicht vollkommen
durchsichtig. Sie hatten sich unterhalten: die Großmutter erzählte vom Familienleben in der
Türkei, mit dem Vater und davon, als Nihat noch ein ganz kleiner Junge war und den Kopf in
ihren Schoß legte, wenn er zu ihr kam. Er fragte sie auch, ob er das nochmal tun könne, aber die
Großmutter meinte, daß ginge jetzt nicht mehr, aber sie würde ihn noch oft besuchen, egal, an
welchem Ort er sei und sie wollte wissen, wie es ihm nun ginge: wie es mit der Schule sei und wie
sehr ihm Vater und Mutter fehlten und ob die Leute hier gut zu ihm seien.

 
Er hatte diese Erscheinung mehrfach, wie er mir erzählte- auch später noch, als er in ein anderes
Zimmer einzog. Das fand in den späten Abendstunden in der Zeit von ca. 23 bis 1 Uhr statt.
Morgens stand er so auf wie immer, man merkte ihm leichten Schlafmangel an, aber er tat seine
Verrichtungen wie sonst. Als ich ihn nach einer der späteren Begegnungen besuchte (gerade hatte
sich die Großmutter verabschiedet), erzählte er mir, sie hätten sich über seine Mutter unterhalten.
Und ich glaubte ihm- ganz egal, wie er es wahrgenommen hatte, optisch oder als Kopfkino- weil
es SEINE Wahrheit war und ein sechzehnjähriger Junge sich einen solchen Bericht nicht aus den
Fingern saugt. Und wenn: es hätte als seelische Selbsthilfe ebenso zur Ergründung seines
Problems beigetragen.

  
Dazu sagen muß ich, daß Nihat und ich uns sehr oft über Eltern und Elternbilder unterhielten
und wir uns mitteilten, was Eltern für uns bedeuten, denn er fragte mich ständig danach. Er war
lange Zeit der Auffassung, daß seine Mutter eine Schlampe gewesen sei, die sich mit anderen
Männern eingelassen habe- so sei es ihm zu Ohren gekommen von den Geschwistern (insgesamt
sieben an der Zahl). Sie habe den Tod durch die Hand des Vaters nicht berechtigterweise, aber
verständlicherweise gefunden. Vom Vater hatte er also damals ein weit positiveres Bild als von
seiner Mutter- er haßte es, daß sie ihm durch die Tötung die Möglichkeit genommen habe, seine
Mutter zu sein und er machte sie darüber hinaus für den Tod des Vaters verantwortlich.

  
Nur allmählich, in einem etwa drei Jahre langen Prozeß konnte ich ihn dazu bewegen, seine Mutter menschlich
anzunehmen, mit all ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Fehlern. Mir war dabei völlig klar, daß tote Personen
im Leben eine genauso wichtige Rolle spielen wie lebendige Personen und hütete mich, das Thema zu negieren.
Tote können, wenn man von Hellingers Thesen ausgeht, viel Unglück anrichten, wenn man ihren Tod nicht
annimmt, sondern leugnet (z.B. den Tod eines Geschwisters den anderen Geschwistern verschweigt und ein
Geschwister womöglich noch auf den Namen des Verstorbenen getauft wird- so kann sich der Lebende nicht über
seine Stellung und Rolle mit sich in´s Reine kommen.

 

 

Früher hätte man gesagt: Ein Geist, der keine Ruhe findet,
verbreitet Angst und Schrecken. Öffnet man das Thema, verliert es seinen Schrecken.

 

Es handelt sich hier also
nicht um Esoterik, sondern um ganz normale Psychologie.

  
Ich berichtete ihm von mir: daß bei unserer Familie noch lange nicht alles gewesen sei, wie es mal
besser hätte sein sollen und ich einen lang andauernden Konflikt mit mir wegen meines Vaters
hatte, den ich zum erstenmal in den Arm genommen hatte, als ich bereits vierzig war- Nihat
kannte meine Eltern und bewunderte sie- und daß es mir gegangen sei wie vielen Menschen, die
sich erst jahrzehntelang später darüber klar werden, welche Mechanismen, Personen und
Dynamiken dazu beitrugen, ein Elternbild zu gewinnen, was nicht durchweg zutreffend, sondern
verfälscht und von anderen Verwandten übernommen wurde, und dieses Bild nur zu oft keine
Korrektur erfährt.

  
Ich brachte ihn mit der anfänglichen Bemerkung, daß die Mutter es wohl gewesen sei, die ihn
gewindelt und gefüttert habe, dazu, darüber nachzudenken, wie er mit seiner Mutter in Kontakt
gestanden habe und dabei kam heraus, daß sie ihn durchaus lieb gehabt hatte und für ihn gesorgt
hatte. Manchmal war sie tagsüber oder auch nachts nicht daheim: das war genau dann, wenn der
Vater zornig auf sie war. Warum das so war, wußte Nihat aus eigener Erfahrung nicht und er
konnte es nur vermuten. Deshalb nahm er die Erklärungen anderer gern an.

  
Ihm gegenüber war die Mutter jedenfalls loyal und fürsorglich und ihre Liebe war echt. Das
konnte er nach und nach anerkennen und das Ereignis mit der Erscheinung der Großmutter im
Voraus war für ihn die Initiale, sich mit Vater und dazu noch sogar mit seiner Mutter
auszusöhnen. Dabei konnte und durfte ich behilflich sein.

  
Diese Erscheinungen hielten eine ganze Weile an, ungefähr ein Vierteljahr ging das so. Am
Anfang bis zur Mitte hin waren sie beinah täglich, zum Ende hin wurden die Erscheinungen
unregelmäßiger und Nihat meinte eines Tages, die Großmutter habe ihn verabschiedet und ihm
mitgeteilt, daß er nun ohne ihre Hilfe auskäme und sie ihn daher nun seltener besuche, wobei
nicht ausgeschlossen sei, daß sie immer wieder einmal sich sehen ließe. Ich meinte dazu, daß ich
es begrüßen würde, daß Nihat einen so guten Kontakt zur Großmutter habe, habe sie ihm doch
geholfen, besser mit sich zurecht zu kommen und die Redlichkeit seiner beiden Eltern zu
erkennen. Das bestätigte er mir. Ein halbes Jahr später bekam er nocheinmal zwei Besuche und
danach war keine Rede mehr davon.

 

Nihat hat danach nie wieder- zumindest nicht in meiner
Gegenwart- gesagt, daß seine Mutter eine Schlampe gewesen sei und hatte wohl ein weit
angenehmeres Bild gewonnen: als er gerade aus der Wohngruppe ausgezogen war, träumte er
öfters von ihr und diese Träume waren ihm nicht unangenehm, sondern willkommen, wie er mir
sagte. Er legte in diesen Träumen seinen Kopf in den Schoß der Mutter, so wie er es einst bei der

Großmutter getan hatte, als er ein kleiner Junge war.

 

© Thomas Demuth

 

Die Namen, die in diesem Artikel vorkommen, sind anonymisiert und pseudonymisiert.

Konkrete Zeitangaben außer dem des Datums der Erstellung des Textes kommen absichtlich nicht vor.

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