Was Sie folgend lesen können, war eine Hausarbeit, die nun zum Backbone meiner Facharbeit geworden ist. Es ist unvollständig.

 

Ich schicke vorweg, daß ich es für dissozial halte, einen ganzen Personenkreis als "dissozial" zu bezeichnen und damit komplett zu entwerten: "Die, bei denen nichts mehr zu machen ist."- weil der Begriff alleine schon ausgrenzt und für große Kreise der Erzieherkollegen,-- die sich von dem Begriff "dissozial" abschrecken und erschrecken lassen.Wieviel Liebe, Zuwendung, Annahme wurde diesem Personenkreis versagt?. "Alle menschlichen Verfehlungen beruhen auf einem Mangel an Liebe." (A. Adler). Wieviel davon fehlt uns selbst?  Mir selbst hat der Begriff "dissozial" auch schon oft genug Angst gemacht, doch immer wieder sah ich die tiefe, nahezu unstillbare Bedürftigkeit vieler Menschen: kaum einer versteht wohl, wie sehr man unter Isolation, Aufkündigen von Verbindungen, immer wieder allein gelassen werden- leidet, sich eine lachende Maske aufsetzen muß, um irgendwie weiterleben, weitermachen zu können und im schlimmsten Fall zum Zyniker zu werden, so wie es manche hilflos gewordene Menschen werden, die einen zuvor zu betreuen hatten und eigentlich doch helfen wollten...

Es gibt also genug richtigzustellen oder wenigsten in Frage zu stellen: Die Verhaltensweisen, die ich hier folgend schildere, sind im Grunde nichts anderes als eine Kopie der "Gewinner- Verlierer- Schemata", eine Spiegelung und Gegenübertragung der Welt, in der wir leben.  Der vermeintlich Starke muß Stärke im Zusammenhang mit Unterdrückungs- und Verdrängungstechniken zeigen, um seine Maske nicht abnehmen zu müssen, denn sie ist oft sein einziger Schutz und Halt- vor Selbst- und Fremdentwertung-- vor allem, wenn niemand da ist oder war, von dem man Annahme, Liebe, Zuverlässigkeit erfahren und lernen konnte: Die Maskierung als eine zunächst überaus resiliente Verhaltensweise also.          

Warum sie also nachbeeltert werden sollten? Damit sie aus Isolation und Verzweifelung befreit werden können und es nicht mehr für nötig befinden, sich gewaltsam in Sprache oder Tat daraus zu befreien. Und: nicht jeder "dissozial" genannte ist ein notorischer Lügner- sondern sehnt sich nach Wahrheit und Leuten, auf die Verlaß ist- und die stellen sie gründlich auf die Probe. Denn mancher kann nicht mehr glauben, was die Erwachsenen so alles erzählen. "Dissoziale" Menschen oder Menschen mit "Störung des Sozialverhaltens"  haben dieselben Talente wie "andere" Menschen-- ich glaube, das diese Verteilung so wie hier überall gleich ist- quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Ich bitte um Nachsicht darum. daß ich im untenstehenden Artikel dissozial genannte Personen "dissoziale Personen" nenne. Vielleicht finde ich nochmal ein kurzes Wort für den Zustand, immer wieder abgewiesen worden zu sein und sich dennoch nicht preiszugeben.

 
 
 

 
Dissozial? Auftreten "dissozialer" Persönlichkeiten in der
Praxis und warum "disssoziale" Persönlichkeiten nachbeeltert werden müssen

 


Inhaltsverzeichnis:
Definitionen und thematische Abgrenzung Seite 2
Aus meiner Praxis:Wie mir dissoziale Personen erschienen-
Konfliktverhalten, kommunikatives Verhalten, Selbsteinschätzungen Seite 5
Einige Ursachen, Risikofaktoren, Gemeinsamkeiten
der Fälle, mit denen ich zu tun hatte Seite 8
Eigene Umgangsweisen im Alltagshandeln und
wie dissoziale Personen zumindest partiell nachbeeltert werden können Seite 9
Quellen Seite 16
Interview mit Nailah Sameh Seite 17

 

Definitionen und thematische Abgrenzungen
„Unter Dissoziation versteht man schon in der Chemie bezeichnenderweise den
Zerfall von Molekülen und in Psychologie und Psychiatrie die Auflösung von
Bewusstseins-Zusammenhängen. Der Begriff setzt sich zusammen aus der
lateinischen Vorsilbe dis mit trennender oder gegensätzlicher Bedeutung (z. B.
zer-, un-, ab-, ent-, miss- usw.), socialis = lat. die Gesellschaft, das Gemeinwohl
betreffend und dissociatio = Aufspaltung, Zerlegung, Trennung, Auflösung,
Zerfall.“
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/faust1_dissoziativ.pdf Prof. Dr. med. Volker Faust

Dissoziation:

„Die dissoziative Persönlichkeit manifestiert sich durch das Heraustreten aus
momentanen Situationen. Dabei kann es zu einem Verlust des Ich-Gefühls kommen d.h. dem
Abbrechen des Kontaktes zwischen dem Beobachter-Ich und dem leiblich erfahrenen Ich. Im
dissoziativen Zustand rückt man ausschließlich in die Rolle des Beobachters entfernt sich also
von der eigenen körperlich und geistig erfahrenen Identität. Dieser Zustand wird bezeichnet als
Heautoskopie. Die Dissoziation vom Kontroll-Ich führt zu impulsiven Handlungen und
affektiven Ausbrüchen. Dissoziation in Form von Hypnose stellt den Verlust der Selbststeuerung
dar; dieser kann auch ausgelöst werden durch schwierige innere und äußere Situationen in denen
sich die Persönlichkeit befindet. Das Ablösen von der Identität des Erwachsenen und das
Einschalten eines kindlichen Wahrnehmens und Reagierens wird gedeutet als Manifestation von
dissoziativen Ich-Anteilen die mit dem Erwachsenen-Ich nicht in Verbindung stehen. Die
Dissoziation der persönlich-individuellen Identität zeigt sich in alternierenden
Persönlichkeitsanteilen oder multiplen Persönlichkeiten mit relativer Selbständigkeit. Es handelt
sich dabei um Teil- oder auch Schein-Persönlichkeiten die jeweils abwechselnd dominieren.
Dabei kommt es zu teilweiser oder vollständiger Amnesie wodurch die Teil-Persönlichkeiten im
betreffenden Moment als vollständige Persönlichkeiten erlebt werden. Die schwerste Form der
Dissoziation ist die Fragmentierung d.h. die Entstehung einer Multiplen Persönlichkeit .“
http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Dissoziative_Pers%F6nlichkeitsst%F6rung.html (Zugriff: 27.12.2010)


Dissozialität:
„Im ICD 10 ist die dissoziale Persönlichkeitsstörung wie folgt
beschrieben:
1. dickfelliges Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer
und Mangel an Empathie;
2. deutliche und andauernde Verantwortungslosigkeit und
Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen;
3. Unvermögen zur Beibehaltung längerfristiger Beziehungen;
4. Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle
für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten;
5. Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein und zum
Lernen aus Erfahrung, besonders aus Bestrafung;
6. Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierung
für das eigene Verhalten anzubieten, durch
das die Person in einen Konflikt mit der Gesellschaft gerät...“
7. andauernde Reizbarkeit.
http://www.laengle.info/downloads/Dissozialit%E4t%20EA%202006-2.pdf

 

Als Gegenüberstellung zur vorangegangenen Definition hier der tatsächliche Text aus dem ICD-
10- Katalog:

„F60.2 Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Definition
Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und
herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem
Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz.
Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht
änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle
für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder
vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der
betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.
Inkl.:
Persönlichkeit(sstörung):

  • amoralisch
  • antisozial
  • asozial
  • psychopathisch
  • soziopathisch

Exkl.:
Emotional instabile Persönlichkeit(sstörung) (F60.3-)
Störungen des Sozialverhaltens (F91.-)“
(http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2011/block-f60-f69.htm ; Zugriff: 27.12.2010)

Das Wort „dissoziativ“ verstehe ich als Oberbegriff für eine Sammlung von Störungen,
von denen eines lautet „dissoziale Persönlichkeitsstörung“.


Ableiten läßt sich aus den beiden Definitionen, daß sich sich einige Felder hinsichtlich des wenig vorhandenen
selbstkontrollierten, selbstbeherrschten Verhaltens sicherlich gleichen können, aber die tieferen Ursachen dafür völlig
unterschiedlich sind und deshalb auch völlig unterschiedlich die Persönlichkeitsbildung beeinflussen, die Depersonalisationsverläufe stark unterschiedlich sind und die Behandlung der jeweiligen Personen deshalb
auch angemessen, aber nicht gleich sein darf- wohl schon auch wegen eines völlig unterschiedlichen neurologischen Verlaufes.


Auf den Umgang mit Personen mit einem Trauma durch direkte Gewalteinwirkung gehe ich in diesem Artikel also nicht ein,
wohl aber auf den Umgang mit solchen Personen, deren dissoziale Störung oder Traumatisierung vor allem milieubedingt
und modellbedingt (entweder keine oder inadäquakte Vorbilder) erworben wurde mitdem Ergebnis des sozial kaum oder gar nicht akzeptierten eigenen Verhaltens.

Einer dissoziativen Person fehlt diese Möglichkeit der Externalisierung, weil sie durch Folgen aus dem Täter-Opfer-
Schemata z.B. ausgeschlossen hat, sich zu verteidigen; zustimmend oder ablehnend agieren zu dürfen- passiv zu bleiben- weil
z.B. ein Täter als Persönlichkeitsanteil in der dissoziativen Persönlichkeit ständig präsent ist.

Es handelt sich um zwei sehr unterschiedliche Internalisierungen der Traumata bei dissoziativen und dissozialen
Personen; sicherlich auch in neurologischer Hinsicht.

Depressionen und depressive Verstimmungen verlaufen meiner Einschätzung nach bei dissozialen Personen
eher offen aggressiv, Personen mit dissoziierten Anteilen neigen wohl eher zum Rückzug, um sich nicht zeigen zu müssen.

  Auf Herausstellen von Schnittmengen und Gemeinsamkeiten hinsichtlich Dissozialer
Persönlichkeitsstörung, Narzißtischer Persönlichkeitsstörung, Borderline- Syndrom verzichte ich
hier- es könnte vielleicht Thema meiner Facharbeit sein.

Ich beschränke mich auf eigene Erfahrungen, Vorgehensweisen, Modifikationen sowie die unten
angegebenen Quellen, Ableitungen und Inspirationen, die ich daraus gewinnen konnte.


Aus meiner Praxis
Wie mir dissoziale Personen erschienen-
Konfliktverhalten, kommunikatives Verhalten, Selbsteinschätzungen

 

  • In der Regel eher extrovertierte Personen, die nicht depressiv oder niedergedrückt wirken
  • Erscheinen zunächst sehr souverän und selbstbewußt.

 

  • Bei näherem Hinsehen schwaches Selbstwertgefühl, durchweg negatives Selbstbild.
  • Haben Riesenprobleme, Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle zu verbalisieren.
  • Kommunizieren sprachlich oft in Befehlsform (gewalttätige Sprache)
  • Sehr oft sexualisiertes Vokabular (Porno-Rap-Vokabular), sexualisierte Umgangsweisen,
    geäußerte sexuelle Gewaltphantasien.
  • Versuchen dies, durch Imponier- oder Drohhaltungen zu verstärken
  • Wirken dadurch dann unhöflich und sehr unangenehm, massiv grenzverletzend.

 

  • Fügen ihren Mitmenschen (auch Bezugspersonen) schwere persönliche Kränkungen zu
     (durch Wort und Tat). Je anonymer, desto wahrscheinlicher.
  • Sehr oft negatives Frauenbild, Frauenhaß sogar. Fehlende Väter werden eher idealisiert als präsente Mütter; auf Nachfrage kaum männliche oder politisch- gesellschaftliche Vorbilder.
  • Empathie für Mensch und Tier scheint zunächst völlig zu fehlen, Gefühle anderer werden sehr oft ins Lächerliche gezogen, entwertet.
  • Besonders bei Unzufriedenheit setzen von Marken aus herumliegenden Gegenständen, Abfällen, Kippen etc.- auch als Ausdruck der eigenen Konfusion.
  • Interpretieren Kritik an einer Sache als Kritik an ihrer Person
  • Gestatten wenig oder keine Einrede oder Einwände.

 

  • Die Einwände, die akzeptiert werden, verändern die Lage oder das Gespräch nicht entscheidend, sondern befinden sich über lange Zeit an der Peripherie des Gesprächs. Veränderungen sollen möglichst nicht stattfinden und machen stark unsicher. Bei Konfrontationen/ Ansprache deswegen ist große Angst, Skepsis, Mißtrauen, Unsicherheit, Ablehnung spürbar.
  • Dritte und vierte, zunächst völlig unbeteiligte Personen werden sehr oft in Konflikte hineingezogen. Ob die Personen anwesend sind oder nicht, spielt kaum eine Rolle.
  • In solchem Zustand oder vorher werden oft Forderungen gestellt. Solche Forderungen sollen ein Problem oder Widerspruch rasch auflösen- Widerstand dagegen soll rasch niedergewalzt werden (siehe auch „Sprachpragmatik“)
    6
  • Beziehen Gesprächsinhalte, die andere betreffen, auf sich und reagieren dann sehr  angriffslustig, wenn nicht immer wieder und vor allem sofort richtiggestellt wird. Sie rechnen fremde Inhalte den eigenen Interessen zu, mischen sich dann ein, können hier
    nicht differenzieren.
  • Besonderer Kommunikations- und Wahrnehmungsstil:

 

 

 

„Patienten mit einer dissoziativen Störung zeigen einen Kommunikationsstil, der durch eine bestimmte Erzählstruktur gekennzeichnet ist.
Der „Zapper“ schaltet wie mit einer Fernbedienung ständig zwischen verschiedenen Beschreibungen hin
und her, so dass die Inhalte parallel und unverbunden nebeneinander stehen bleiben. „Tracker“ hingegen
berichten Ereignisse seriell in exakt zeitlicher Reihenfolge sortiert. Ein „Snapper“ drückt quasi einmal
auf den Auslöser und bleibt an einem Ereignis hängen, wie an einem Photo und ist davon nicht mehr
abzubringen.“
(Nailah Sameh)

 

  • Bedürfnisverschiebung ist nicht altersgemäß entwickelt, sondern entspricht oft der eines jüngeren Kindes. Geraten dadurch rasch unter Druck.

 

  • Neigen zur Manipulation zum Durchsetzen und sofortigen Stillen von Bedürfnissen.
  • Stellen oft Forderungen, die nicht oder nicht sofort erfüllt werden können und geraten dann unter Druck

 

  • Treten dann sehr robust, fordernd, disruptiv; oft laut und lärmend auf.
  • Wenn das nicht funktioniert, verlegen sie sich auf´s Betteln und neigen zur Instrumentalisierung anderer („Tu´ endlich was für mich/Tu´ mir EINEN EINZIGEN Gefallen- nur dieses Mal!“)

 

 

  • Die Fähigkeit, sich selbst beschäftigen zu können oder eine Tagesstruktur entwerfen zu können, ist sehr schwach ausgeprägt.
  • Planungschritte, Planungseinzelschritte zu etwas fehlen meist fast völlig und werden nicht selbstständig aufgebaut.
  • Folgenabschätzung schwach ausgeprägt, können nicht mittelbar oder unmittelbar planen.

 

  • Mitmenschen werden von ihren Wünschen daher oft in sehr unwillkommener Weise überrascht (fünf Uhr morgens: „Ich brauch´n Euro, damit ich zum Bahnhof komme!“). Solche Ereignisse maches es schwierig für alle. Das geplantes Handeln für die fragende Person schlecht möglich ist, wird hier deutlich und die dissoziale Person verläßt sich darauf, das sofort eine Lösung gefunden werden muß, denn abends zuvor eine eigene  Struktur zu entwerfen, war offenbar nicht möglich.
  • Geraten auch bei scheinbar geringsten Anlässen rasch unter Druck (das Gesagte dazu ist nie die Erklärung- es geht im Normalfall um etwas völlig anderes, was aus verschiedenen Gründen- Verzweiflung, Scham, Furcht- nicht verbalisiert werden kann), bauen dann oft sehr starkes Drohpotential auf, das sehr oft versteckt formuliert wird, z.B. wenn bereits Erfahrung mit Justizstrafen besteht oder Angst vor Strafe besteht.
  • Sie versuchen, ihr Ziel durch oder über andere Personen zu erreichen, involvieren diese, instruieren, manipulieren und instrumentalisieren sie oder versuchen es zumindest.

 

  • Im Versuch der Instrumentalisation äußert sich starke seelische Not und Hilflosigkeit:
  • Legitime Wege sind unbekannt bzw. werden als nicht vertrauenswürdig/vertrauensbildend abgelehnt.

 

  • Dritte Personen werden so oft an Straftaten/Delikten beteiligt.

 

  • Kaum Wissen über Rechtssystem, Rechtsfolgen, Hilfsmöglichkeiten.
  • Kein Vertrauen in Rechtssystem in Wohngruppe, Schule, Staat.

 

  • Bei Problemen kanalisiert sich ihr Rechtsverständnis und Gerechtigkeitsempfinden: Rachegedanke ersetzt sehr oft Gerechtigkeit- es soll mit gleicher Münze heimgezahlt werden, wer ebenso heimzahlt, hat Schlimmeres zu befürchten. Aus Vorwürfen werden rasch Kränkungen, Wut, Straftaten.

 

  • Ein Mensch, der mit einem Vorwurf konfrontiert wird, wird sofort zum Gegner.

 

Wer mit gleicher Münze zahlt, hat Schlimmeres zu befürchten.

 

Wird nicht unter dem Wutlevel des anderen geblieben, muß mit einer explosiven Eskalation gerechnet werden.

 

Konflikte werden gewöhnlich erst zugedeckt bzw. verschwiegen, geleugnet, rationalisiert, bei Entdeckung durch andere Personen rasch forciert mit dem Ziel, Überlegenheit zu gewinnen.

 

Als Mittel dazu wird oft das Verbreiten von Angst eingesetzt.

  • Es wird keine Kritik vorgetragen, sondern eine Offensivstrategie verfolgt aus Beschimpfungen, Beleidigungen, körperlichen Angriffen- die ersteinmal zum Ziel haben, den Kritisierenden als Ausgangspunkt und Objekt eines unangenehmen Gefühles sprachlich oder physisch lahmzulegen oder zu zerstören und nicht den Anlaß der Kritik
    aus der Welt zu schaffen.
  •  
  • Fähigkeit zur Reflexion sehr schwach: wenn, tritt sie normalerweise nur im „Nachher“- Fall ein, d.h. wenn es eigentlich schon zu spät ist, bereits etwas passiert ist., sie sehr deutlich spüren, daß sie Mitmenschen verärgert, enttäuscht haben (an denen ihnen doch etwas liegt- aus Sympathie oder Nutzen) und vielleicht dann noch befürchten, unmittelbar mit einem Strafsystem in Kontakt kommen.

 

  • Gewissensbildung/eigene moralische Instanz: Vermeidungsverhalten scheinbar lediglich aus Angst vor Strafe

 

  • Offenbaren sich nicht gern: „Das bekomme ich schon selbst geregelt“.

 

  • Treten bei ruhiger Stimmung scheinbar sehr authentisch auf, sind große Meister darin,
    den äußeren Schein aufrechtzuerhalten. Erfährt dieses Konzept eine Perforation, wird es
    hinterfragt, geht es ersteinmal laut zu.

 

  • Benutzen sehr oft Maskeraden, Täuschung, Lügen und Auslassungen als Flucht- und Rechtfertigungsmechanismus— im Nachhinein wurde das sehr oft als Zeichen der eigenen Hilflosigkeit und Unsicherheit von ihnen gekennzeichnet.

 

  • Beim Aufdecken der Wahrheit wird oft weitergelogen, nur Teile zugegeben (Salamitaktik), eine zweite oder dritte Variante erdacht.

 
Von mir miterlebte Handlungen/Straftaten/heftige Konflikte:

 

  • Extreme Wut, Zerstörung und unbrauchbarmachen von Gegenständen
  • Starke nächtliche Unruhe
  • Massiv beeinträchtigtes Zusammenleben aller Bewohner durch Unberechenbarkeit eines
    Bewohners, Verbreiten von Angst, auch bei Betreuerpersonal. Fluktuation von
    Betreuerpersonal.

 

  • Permanente und wiederholte Sachbeschädigungen in der Einrichtung

 

  • Diebstähle, Medikamentenmißbrauch, Drogenexperimente, exzessiver Drogengebrauch
  • Abgängigsein
  • Legen von Bränden: Feuerzeugbenzin auf einem Holztisch; Versuch, einen
    Molotowcocktail aus Marmeladenglas, brennbarer Flüssigkeit und Klopapier herzustellen
    und vor dem Nachbarhaus anzuzünden (die Leute haben sich stark geängstigt)

 

  • Auftritt eines Jugendlichen vor dem Nachbarhaus, mit drei Küchenmessern bewaffnet
    und mit freiem Oberkörper: „Ich stech´ Euch ab, Ihr Bastarde!“
  • Massive Drohungen und Angriffe auf Pädagogen
  • Rasch ausgesprochene Todesdrohungen

 

 

 

Einige Ursachen, Risikofaktoren, Gemeinsamkeiten der Fälle, mit denen ich zu tun hatte

 

  • Inkonsistenter Erziehungsstil, fehlende Elternpräsenz. Vorübergehendes „Ruhigstellen“ durch die Eltern durch die Möglichkeit, kurzfristig zu konsumieren (Dönerbude z.B.) und Bedürftnisverschiebung so gar nicht erst erlernen zu können. Brauchen ständig Geld. Schulden.
  • Einsetzen des Fernsehens als Babysitter

 

  • Kaum oder keine geregelten Lebensverhältnisse
  • Oft unklare biographische Herkunft: Elternteil nicht bekannt, Kontakt schlecht oder
    nicht aufrecht
  • Selbst: unbekannte Familiengeschichte, unvollständig bekannt, nicht in der Grundlinie bekannt- eigenes Leben weist starke biographische „Fehlstellen“, d.h. mangelndes Wissen  darüber auf!
  • Nicht- Wissen darüber, in welchen Sozialgefügen und Systemen man sich bewegt
  • Informationen darüber sind schwer zu gewinnen, weil die Personen, die Auskunft geben
    könnten, kaum oder gar nicht erreichbar sind

 

  • Als einer der schwerwiegendsten Punkte aus Berichten unserer Bewohner:

 

Probleme wachsen bereits in früher Jugend über den Kopf, frühzeitiges Auf- sich- alleingestellt sein, keine oder kaum „freundliche Begleiter“ im psychologischen Sinn; Vorbilder für konstruktive social skills kaum vorhanden.

 

  • Frühzeitige Rolleneinnahme und Verantwortungsübernahme von denen Erwachsener: fehlende Väter oder Brüder, die imGefängnis sind; große Schulschwierigkeiten, Gefühl der Ablehnung überall,
    Notwendigkeit der Verteidigung durch Präventivangriffe/Präventivschläge/Präventivüberfälle, Gewalttätigkeit, Diebstähle, räuberische Erpressung, Drohung, Landfriedensbruch, Beleidigung, Widerstand gegen Polizeibeamte usf. .

 

  • von Erwachsenen feindselig geprägt /erlebt, bes. uniformierte ziehen hier den Blick auf
    sich- werden z.B. als „Bullen“ bezeichnet, nicht in menschlichen Rollen gesehen.
  • Als Auslöser und Verstärker kommt im Kontext die Abhängigkeit von Drogen aller Art
    hinzu: Als Auslöser, wenn das Problem im Familiensystem schon vorhanden ist, als
    Verstärker, wenn junge Leute in der Drogen- oder Alkoholszene erstmals erfahren, daß
    sie ernst genommen werden, Verläßlichkeit erfahren, Geld verdienen, Absprachen treffen
    können, Treffpunkte und Mentoren haben usw.
  • Große Schulschwierigkeiten mit vorausgegangener Delinquenz.

 

 

Vergleiche hierzu auch:

 

Dr. Nahlah Saimeh: „Differentielle Konzepte zur Dissozialität"

 

„Infolge der frühen traumatisierenden Erfahrungen von Beziehungsabbruch, Mangel an Schutz

  und Misshandlung entsteht ein Ur- Misstrauen als Matrix aller Handlungsweisen. Das bedrohte,

gefährdete, gewalttätige Selbst, begegnet stets einer gefährlichen, gewalttätigen Welt. Diese Welt

spiegelt die Pathologie der internalisierten Objektbeziehungen wider. Gute Objekte fehlen

hingegen. Sie sind schwach und unzuverlässig.“

 

Eigene Umgangsweisen im Alltagshandeln und wie "dissoziale" Personen zumindest partiell nachbeeltert werden können

 

  Menschen mit dissozialen Störungen gelten oft als nicht therapierbar, da ihnen das subjektive Leidensempfinden fehle.

  Was ich oft erlebt habe, ist, das eine dissoziale Person massiv leidet unter demTeufelskreis, sich selbst mit tatsächlichen

    oder vermeintlichen Entwertungen und Angriffen konfrontiert zu sehen und diese stark generalisiert an die umgebenden

  Mitmenschen spiegelt und sich oft versucht, durch den Mechanismus der Rache sich wenigstens kurzfristig Erleichterung

  und Genugtuung zu verschaffen (bei Erfolg dessen findet eine Konditionierung statt).

 

Den Regelkreis, warum sie immer wieder täglich in Schwierigkeiten geraten, ist ihnen nicht bekannt und so haben sie keine
Möglichkeit, ihn zu durchbrechen und zu Lernchancen zu kommen.

 

Wird ihnen die Möglichkeit dazu eröffnet, besteht zumindest die Möglichkeit, sich in sehr kleinen Schritten sozial akzeptierte
 
Erfolgserlebnisse verschaffen zu können.

  Ich würde also hier auf ihre Eigenaktivität und eine Art Selbstbelohnung/Selbstkonditionierung setzen wollen, zumal

 es sich gewöhnlich um recht aktive Menschen gehandelt hat und handelt.

 

  Handlungsweisen und -linien, die sich mit großer Regelmäßigkeit wiederholen, sind davon gekennzeichnet, daß die betreffenden Personen sehr oft in Lagen hineinkommen oder sich hineinmanöverieren, die sie selbst nicht mehr beherrschen und aus denen sie ohne Hilfe nicht mehr herauskommen.

  

Das führt sehr oft zu Tränen, Verzweifelung und Selbstaufgabe.

Das ist sehr unangenehm, weil sich regelmäßig ein Zustand entwickeln kann, der in eine völlig

unkontrollierte Eskalation, sogar Explosion der Ereignisse übergehen kann:

 

  • weil Initialen, Auslöser, Verletzlichkeiten der Bewohner dem Betreuer unbekannt sind und/ oder aus Angst (vor Strafe oder sonstigen unangenehmen Folgen) oder Scham verschwiegen werden
  • weil bei Schilderungen des Hergangs wichtige Details, die durch ihr Fehlen die Situation
    verzerren, nicht wiedergegeben werden (bewußt oder unbewußt)
  • eine Inflation der Ereignisse und Verwicklungen eintritt
  • weil die Ereignisse schon so weit gediehen sind, daß zunächst nur noch mit
    gegenwirkenden, restriktiven Mitteln gearbeitet werden kann

 

Eine kaum noch lösbare Krise ist allerspätestens dann da, wenn

 

  • eine Inflation der gegenwirkenden Mittel eintritt, die von der dissozialen
     Persönlichkeit und/oder durch Betreuer bewußt oder unbewußt herbeigeführt

     wird und dann die Vorgehensweise der Betreuer von ihnen selbst schon nicht mehr
     überschaut werden kann und die Handlungsweisen nicht mehr stringent, logisch,
     nachvollziehbar für alle Beteiligten sind und das Betreuerhandeln stark fragmentiert und
     unverständlich wird- aus dem Motiv entsprungen, begrenzend zu wirken. (eine
     Fehlleistung der Betreuer also). Es führt zu einer völligen Unbeherrschtheit der Lage, die
     sich in beiderseitiger Verzweifelung und Enttäuschung äußert, gekennzeichnet dadurch,
     daß man spätestens jetzt beginnt, sich gegenseitig anzubrüllen.

 

  wenn

  • es zu Reibungsverlusten durch Übertragungsfehler innerhalb eines Betreuerteams kommt
     durch Kommunikationsfehler innerhalb des Betreuerteams, Kommunikationsfehler vom

     Team zum Bewohner und umgekehrt, unterschiedliche Arbeitsstile und
     Handlungsweisen, Instrumentalisierung von einem oder mehreren Betreueren durch den
     Bewohner.

 

Wir haben es hier also mit einer ganzen Reihe von strategischen Lücken zu tun, die umso größer und umso mehr werden, wenn:

 

  • das Vertrauensverhältnis nicht vorhanden oder erschüttert ist

 

  • der Betreuer nicht mehr bereit ist, in die Beziehung zu investieren

 

  • ein Eskalationspunkt erreicht und überschritten wird- danach bleibt nichts mehr, wie es
    war, weil eine Umkehr durch bereits gezeitigte Folgen (Kontakt mit der Polizei,

    Kränkungen, Verletzungen, Enttäuschung, Verzweifelung) nicht mehr oder kaum
    möglich erscheint. Der Betreuer muß an diesem Punkt dann sehr viel Kraft aufwenden,
    um so überzeugend aufzutreten, daß Ereignis und Persönlichkeit des Bewohners noch
    voneinander getrennt werden können und ihm die Botschaft zu vermitteln: „ich verurteile
    deine Tat, aber nicht deine Person“- falls das dann überhaupt noch möglich ist.

 

  • ein zerstörtes Vertrauensverhältnis die vermeintliche Richtigkeit des Handelns der
    dissozialen Person verstärkt und bekräftigt und sie sich deshalb nicht mehr in der
    Notwendigkeit sieht, sich sozialverträglich zu verhalten.
     

 

„Typischerweise betonen dissoziale Menschen in therapeutischen
Kontexten immer wieder Zuverlässigkeit als höchsten Wert. Kleinste
Unregelmäßigkeiten, Verspätungen oder Absagen werden brüsk mit
Entwertung der Person beantwortet und stellen eine Reaktivierung der
Grunderfahrung dar, daß sie in einer Welt leben, auf die kein Verlaß ist
und sie auf sich selbst allein zurückgeworfen sind.“
  (Nailah Sameh)

 

 

Dieses Zitat beschreibt eigentlich schon das ganze Dilemma und den heilpädagogischen Auftrag..

 

   Das Verhalten dissozialer Persönlichkeiten ist also sehr stark externalisiert und externalisierend

  (sie nehmen Bezug auf „nichtigste“ Dinge, die sie wiederum mit Personen in Verbindung setzen

    oder oft sogar gleichsetzen- Personen werden oft als Dinge behandelt) und ein geringer Anlaß

   kann sie völlig aus dem Konzept bringen, das zuvor noch freundliche, höfliche Verhalten kippt

   jäh in blinde Wut um.

   Sie geraten in eine Isolation, aus der sie oft nur gewaltsam herauskommen.

 

 

Damit dieser Fall nicht oder vermindert eintritt, müssen immer wieder kleine, vertrauensbildende
 Maßnahmen installiert werden. Vieles davon kann und muß täglich improvisiert werden.

 Was dissoziale Persönlichkeiten am Allermeisten suchen und nur selten bestätigt finden, sind

  deutliche Zeichen der Zuverlässigkeit und Loyalität

 

                            Was hilft?

 

Gruppe:

 

  • Unterbringen in sehr kleinen, sehr überschaubaren Gruppen von drei bis vier Personen.
  • Hinsichtlich der Gruppenzusammensetzung in Wohngruppen ist es nicht ratsam, nicht
    mehr als eine dissozial orientierte Person hinzuzunehmen, da sonst die Gefahr der
    Meinungsführerschaft und Eskalation besteht (Flosdorf 1988)
  • Besteht eine Meinungsführerschaft in einer Gruppe mit einer dissozial orientierten
    Person, sollte die Gruppe so strukturiert werden, das eine andere Person die
    Meinungsführerschaft übernehmen kann.
  • Die Bewohner sollten auch bei einer Verlegung in andere Wohngruppen „ihre“ Betreuer
    mitnehmen dürfen.
  • Ein abgelegener, reizarmer Ort empfiehlt sich dafür, um auf sich selbst zurückgeworfen
    zu sein.

 

Social skills, die der Betreuer mitbringen oder um die er sich bemühen sollte:

 

  • No drugs.
  • mit sich selbst im Reinen sein.

 

  • ein gründlich geklärtes Distanz- Nähe- Verhältnis mitbringen.

 

  • selbst genau verstehen, welche Grenzen bei ihm nicht überschritten werden dürfen
    genau wissen, wann er sich aus dem Prozeß zurückziehen muß, um sich und seine
    Arbeitsfähigkeit schützen zu können
  • diese (seine) Reviergrenzen zu seiner schutzbefohlenen Person möglichst einfach (damit
    rasch und logisch verständlich) erklärbar machen/
    mitteilen können, bis wohin er mitgeht und wann seine „Loyalitätsgrenze“ erreicht ist
  • in der Lage sein, sein Terrain und das seiner Bezugsperson zu erkennen

 

  • wachsam sein hinsichtlich Grenzüberschreitungen und hinsichtlich der Gefahr des
    Durchmischens eigenen und fremden Terrains, weil eine Interessengleichheit die
    dissoziale Person rasch zum Betreten und Okkuppieren des fremden Terrains
    „berechtigt“ und verleitet
  • Dieses Vorgenannte dem Bewohner verständlich erklären können.

 

  • Der Betreuer muß sehr klare reflektierte Rückmeldungen prompt geben können

 

  • Die Rückmeldungen dürfen allgemein nicht persönlich wertend ausfallen, müssen aber
    genau darstellen, warum eine Handlung des Betreuten akzeptabel oder inakzeptabel war.
  • Die gegenseitigen Rückmeldungen sollten ggfs. Alternativen enthalten bzw. die
    Diskussion/ die Frage nach Alternativen hinsichtlich sozialer Fähigkeiten und
    Handlungsweisen anregen
  • Sie sollten die Möglichkeit der Verhaltensmodifikation eröffnen („Wir geben uns beide
    Mühe, dann klappt´s sicher.“)
  • In darauffolgenden modifizierten Situationen müssen Rückmeldungen des Betreuten
    hinsichtlich Alternativverhalten und vergleichen der Ausgangs- und Alternativsituation
    angefordert werden.
  • Der Umgang mit den Betreuten darf niemals Strafcharakter haben oder einer
    Launenhaftigkeit entspringen oder mit einem Aufrechnen einhergehen. Beides führt zu
    starkem Vertrauensverlust.
  • Es ist in Ordnung, wenn der Betreuer Enttäuschung, Verärgerung, Traurigkeit usw. zeigt,
    aber nicht in unreflektierter Weise. Der Bewohner muß den Grund für all dieses erfahren
    dürfen.
  • Der Betreuer sollte genauso in der Lage sein, nicht zu knapp zu loben-- die ehrliche
    Anerkennung dessen wird für den Betreuten oft für unglaublich gehalten, weil die
    Erfahrung dessen erst neu ist wegen negativer Selbstzuschreibungen
    und man sollte sich darüber Gedanken machen, was den Bewohner zu einer liebenswerten/
    liebenswürdigen Person macht.
  • Damit der Betreuer seinen Job in einem eingermaßen ausgeglichenen Zustand machen
    kann, sollte er genau den Punkt seines Rückzugs kennen, dies dem Betreuten erklären
    können und sein Wiederkommen in Aussicht stellen, damit der Betreute nicht das Gefühl
    hat, fallengelassen zu werden.
     
  • Der Rückzug (und auch der ganz normale Dienstschluß) darf vom Betreuten also nicht
    als Strafe aufgefaßt werden, sondern als Folge eines Tages, der Ruhebedürftigkeit nach
    sich zieht und die erklärte Möglichkeit der Erholung, des Nachdenkens und der
    Wiederkehr für beide Beteiligten mit sich bringt.
  • Mentale Überlegenheit und Ruhe zeigen, auch, wenn´s laut ist, auch, wenn´s
    schwer fällt.
  • Auf Einschüchterungsversuche mit Humor reagieren („Ich atme dich gleich
    ein!“) bzw. etwas völlig Unerwartetes tun.
  • Bleibt dieses Mittel der Angst, die eine dissoziale Person im Konfliktfall
    verbreitet, wirkungslos, hat man gewöhnlich ersteinmal Zugang. Die verbreitete
    Angst entspricht der Angst, die die Person in sich trägt. Wird die Angst nicht
    gespiegelt, wird sie weniger und nicht mehr.
  • Sich Zeit zum Überlegen und Nachdenken ausbitten. Sich nicht nötigen lassen,
    selbst nicht nötigen.
  • Überaus fordernde Verhaltensweisen können Betreuer unter Druck setzen und in die
    Enge treiben, wenn man sich nicht bei Tagesbeginn täglich neu Übersicht hinsichtlich
    Stimmung, Probleme, Hindernisse, Möglichkeiten verschafft. Spontane Entscheidungen
    nur nach Selbstüberprüfung treffen, ob die Entscheidung im Kontext und/oder als Einzelereignis
    hinsichtlich der Richtigkeit später noch standhält- Voraussetzungen kurz rekognoszieren.
  • Zum gemeinsamen Nachdenken einladen, aber Prioritäten setzen und dies verbalisieren.

 

  • Sehr starkes Annahmebedürfnis ist oft vereint mit feindselig wirkenden Handlungen-
    Idealisierung und Verachtung liegen nah beieinander. Letzteres beides sollte man nicht
    persönlich nehmen.

 

  • Die Bewohner müssen sehr viel Energie aufwenden, um sich kurzfristig (z.B. Distanz von
    einer Woche) zuverlässig zu ZEIGEN. Dies gelingt erst nur in sehr kleinen Schritten

    über Monate und Jahre hinweg. „Die Ängste werden stärker, je intensiver die
    Beziehung zu werden beginnt.“
    http://www.systemagazin.de/bibliothek/texte/christ_dissoziation.pdf

 

  • Nach kleinen Proben der Zuverlässigkeit muß man also immer wieder mit Kämpfen und
    Widerständen rechnen, die aber kein Hindernis für die eigene Stetigkeit sein dürfen. Es

    muß von Betreuerseite ein langfristiges Interesse an dem Prozeß bestehen. Nichts ist
    verheerender für den Bewohner, als fallengelassen oder ausgegliedert zu werden.
  • Zuverlässigkeitsproben nicht sofort neu belasten, sondern lange den gegenwärtigen Zustand aufrechterhalten.
  • Sie fordern einem „Credits“ ab, d.h. einen hohen Vertrauensvorschuß, fordern Vertrauen
    aus zunächst völlig legitimen Gründen ein (Der Konflikt Gleichbehandlung vs. Angemessene
    Behandlung zu anderen Gruppenmitgliedern muß hier verbalisiert werden)
  • Die „Credits“ können oft nicht in dem Maße gegeben werden, die der Bewohner
    erwartet, weil in der Regel Enttäuschungen eintreten, die erneut Konfliktfelder zwischen

    Betreuer und Bewohner aufmachen, woraufhin der Bewohner zunächst enttäuscht wird,
    zumal seine Frustationsschwelle nicht sonderlich hoch ist. Die Erwartungen beider Seiten
    müssen gemäßigt werden und für den Bewohner in für ihn überschaubaren Schritten
    erfüllbar sein. Weniger ist mehr und führt hier oft zu Wachstum.
     
  • Thema „Geld“ und die Herausgabe: hier muß man sich ein sehr dickes Fell zulegen! Die
    nachfragenden/fordernden Personen machen vieles ersteinmal von Äußerlichkeiten

    abhängig, weil das Teil ihres Selbstkonzepts und Selbstberuhigungskonzeptes ist. In
    überschaubarem Rahmen kann Vorschuß gewährt werden. Man muß aber damit rechnen,
    daß man sich ersteinmal Schwierigkeiten organisiert (und sollte das bewußt sogar tun), die
    aber helfen können, in einen flüssigen Prozeß hineinzukommen—wenn man, so wie
    sonst, eine Angelegenheit nach der anderen abhandelt und sich hierbei nicht unterbricht
    oder unterbrechen läßt.
  • Durch die oben beschriebenen sehr komplexen und verflochtenen Verhaltensweisen kann eine
    Gesprächsführung noch verworfener werden und wird für die betreute Person immer

    undurchschaubarer (was sehr genau ihrem Bindungsstil entspricht- „Von den durch Main (1995)
    beschriebenen vier Bindungsstilen „frei- autonom (sicher), beziehungsdistanziert (dismissing),
    verstrickt (entangled) und ungelöstes Trauma (unresolved trauma)“ zeigen Kinder mit früher
    Vernachlässigung und Mißhandlung einen verstrickten Bindungsstil und geringe Fähigkeit zur
    Selbstreflektion.“ (Nailah Sameh))
    wenn nicht sofort und immer wieder geduldig und in ruhiger
    Weise aufgeklärt und zum Hauptgegenstand des Gesprächs (im Eigeninteresse des Bewohners)
    hingelenkt und immer wieder neu angesetzt wird.
  • Die Einzelinhalte daraus müssen über viele Tage hinweg verfolgt, erinnert, eruiert, analysiert, der
    Fortschritt überprüft, zurückgemeldet werden, Rückmeldung eingeholt werden mit Stetigkeit und
    Dauer.

 

  • Zum Grundsatz sollte man sich machen, daß nicht eine neue Sache begonnen wird, bevor eine
    vorhergehende nicht zuende gebracht ist und wenn es sich z.B. um die Rückgabe eines
    Fahrscheines für 1€ handelt, der über eine Woche hin nicht kommt.
  • Ebenfalls geht es darum, Grunderfahrungen zu vermitteln und immer wieder zu reaktivieren
    (vergl. Zitat von N. Sameh) und ihr zuverlässiges und gelungenes Funktionieren deshalb immer
    wieder neu zu thematisieren.

 

  • Das Allerwichtigste ist, den Bewohner davon zu überzeugen, daß eine „compliance“, eine Art
    therapeutischer Mitwirkung- für ihn dauerhaft von Vorteil sein wird und das er sich allmählich

    selbst davon überzeugen kann.

 

® Thomas Demuth

Die Namen, die in diesem Artikel vorkommen, sind anonymisiert und pseudonymisiert. Konkrete Zeitangaben außer dem des Datums der Erstellung des Textes kommen absichtlich nicht vor.

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