Improvisation- wozu ist das denn gut?

 

"Improvisation"- wozu ist das denn gut?

Zum ersten Mal machte ich in der Berufsschule nähere Bekanntschaft mit diesem Begriff und in der Folge sehr
weitreichend mit dessen Bedeutung.

Dabei habe ich viel geschwitzt. Mein Fachkundelehrer erklärte uns: „Ein Handwerker pfuscht nicht, sondern improvisiert.“

Damit war gemeint: Man sollte sich darum bemühen, tragfähige Lösungen (hier: für technische Konstruktionen) finden, vor
allem dann, wenn konventionelle und vorgegebene Mittel nicht mehr hinreichend sind, und auch gerade dann sie so gut
auszuführen, daß sie zwar unkonventionell sein mögen und die schriftlich fixierten anerkannten Regeln der Technik zu einer
solchen Improvisation sagen würden: „Das ist erlaubt!“.

 

Eine gute Lösung zu finden würde hier die Improvisation vom Pfusch unterscheiden.
Pfusch soll trösten, tut es aber letztendlich nicht, weil die Enttäuschung darüber umso größer ist, denn er schadet mehr als er nützt. Improvisation stellt zufrieden und kann eine viel bessere Lösung darstellen als eine bereits fertig vorgegebene, konventionelle Lösungsmöglichkeit.

Denn die Improvisation läßt persönliche Variationen und Anpassungen zu.

Die Schablonen und Konfektionswaren passen halt nicht immer zu uns und Wissen schadet hierbei auch nicht, sondern vergrößert die Reichweite der Improvisation.

Vieles bleibt eben doch der Kompetenz, dem Wissen und der Gewandtheit des Handwerkers und Pädagogen überlassen.

 

Die normativen Lösungen sind nicht immer befriedigend und oft unangemessen. Beide Lösungsarten- die normative und die improvisierte- sind jedoch legitim. Die normative Lösung hat die Improvisation immer zum Ursprung. Was die eine nicht
herbeiführen kann, kann die andere und sie können sich sehr wohl in bester Weise ergänzen.

 

Beides ist in allen Lebensbereichen gefragt, aber die Improvisation als Werkzeug der Selbstinterpretation hält uns wach.

 

Da hätten wir sie schon: die Überleitung zur musikalischen Improvisation1, verbunden mit einer
Abgrenzung:

 

Die gebundene Improvisation1

 
…setzt musikalische Fachkenntnisse voraus. Meist gibt es eine Themenvorgabe, die musikalisch
sein kann (z.B. Variationen eines musikalischen Themas erfinden) oder die einem bestimmten
Begriff folgt und ihn musikalisch darstellt oder transformiert. Es kann z.B. festgelegt werden,
daß jeder Musiker nur bestimmte festgelegte Töne spielt- z.B. spielen von drei Musikern jeweils
einer nur bestimmte Töne einer Tonleiter.

 
Leute, die so etwas tun, sind in der Regel Musiker und wissen, was sie genau vom anderen
hinsichtlich seiner instrumentellen Kompetenz erwarten und auf was sie sich einlassen. Sie
beherrschen ein Musikinstrument sicher und routiniert, sind oft Berufsmusiker und arbeiten mit
gebundenen Improvisationen im Übungsraum und im Studio.
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Die Wirkung, die sie erzielen wollen, können sie recht genau abschätzen.
Die Musik, die sie machen, ist mathematisch durchdekliniert.

Zumindest verfügen sie über grundlegende Kenntnisse aus Musik- und Notenlehre und wenden
diese an.

 

 
Die freie Improvisation1

…funktioniert auch nach allgemein anerkannten musikalischen Regeln, z.B. dem Oktavtonsystem.

Besondere Verhaltensregeln gibt es aber nicht.

Das bedeutet, daß zum Beispiel jemand die musikalische Führung übernehmen kann, dabei vielleicht sogar rücksichtslos sein darf und die übrigen Musiker nurmehr begleiten, bis die „Begleiter“ vielleicht den „Anführer“ gemeinsam „attackieren“ oder ein weiterer Musiker als „Duellant“ gegen ihn antritt und er dazu vielleicht noch von den Mitmusikern sekundiert wird.

Das ist in der pädagogisch gehaltenen Improvisation natürlich unerwünscht.


Das Thema kann vorgegeben oder vollkommen offen sein, ein Thema kann auch bis zur
Unkenntlichkeit variiert werden.

Improvisationsvorgaben bis auf einen Anstoß und die Tatsache,
daß nach gemeinsamen (minimal abgesprochenen) musikalischen Regeln gespielt wird, gibt es
nicht.

 
Das alles kann und will die die pädagogische Improvisation nicht leisten.

 

 
Die pädagogische Improvisation
Anstelle musikalischer Regeln gibt es konkrete soziale Verhaltensregeln.

Dazu unten mehr: siehe „Regulierungsfunktion der (heilpädagogischen) Improvisation“.

 

Meist gibt es einen Spielleiter, der den Teilnehmern die allgemeinen Regeln nahebringt und so für
das Ermöglichen der Improvisation sorgt.

 
Alle Beteiligten haben innerhalb der Runde denselben sozialen und erst recht menschlichen
Status. Auf formale Regeln außer auf die der Fairness wird verzichtet, ebenso darauf, wie die
Spieler ihre Instrumente spielen (solange sie nicht beschädigt werden können).

 
„Falsche“ oder „richtige“ Improvisation gibt es nicht. Jede Interpretation hat den gleich hohem
Wert, weil jeder alles anstoßen darf und sich auch musikalisch zurückziehen kann, ganz wie er
mag.


Das aktive Zuhören ist eine hier besonders tragende Form der Wertschätzung und ist die
Elementar- Gruppenregel und kann so dazu verhelfen, die befreiende Erfahrung der allgemeinen
Wertschätzung für sich selbst wahrzunehmen, in dessen Genuß man sonst vielleicht eher nicht
kommt.


Anstelle von Reproduktionen z.B. von bereits Gehörtem aus der Konserve steht das eigene
Zuhören und die eigentätige musikalische Handlung, die keinem Werturteil zu unterliegen hat.
Gleichzeitig erfindet der Spieler Musik und führt aus. Etwas Gegenwärtigeres gibt es wohl kaumer
kommt „zwangsläufig“ mit sich selbst in Kontakt.

 
In der pädagogischen Improvisation handelt es sich hauptsächlich darum, Versagensängste
abzubauen, Erfolge zu vermitteln, Zugang zu sich und den anderen Gruppenmitgliedern zu
finden, die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu schärfen, Menschen zusammen zu bringen. Sie
kann aber auch für vielerlei andere Zwecke eingesetzt werden- so eben auch zur nicht
vordergründig zweckgebundenen Tätigkeit (Kennzeichen des Freispiels und Regelspiels).
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„Improvisierte Musik ist nicht Musik, die es schon gibt, sondern Musik, die geschieht.1

Vorwiegend intuitives Zusammenspiel ersetzt in der pädagogisch gehaltenen Improvisation das
funktionale „Regelspiel“ nach Noten oder auf anderen Gedanken basierend, die wir aus der
gebundenen und freien Improvisation kennen.
 

 
Anstelle musikalischer Regeln treten gemeinschaftliche Verhaltensregeln:

  
Regulierungsfunktion der (heilpädagogischen) Improvisation
Gesunde, nicht kränkende Kommunikationsverläufe mit musikalischen Mitteln,
eine Kommunikation gleichauf ist die Essenz ( nach John Cage):

  • Jeder vorhandene und nicht vorhandene Ton ist so gültig und gut wie jeder andere Ton
  •  
  • Jeder Ton ist ein eigenständiges Ereignis. Er ist mit keinem anderen Ton durch irgendeine Hierarchie verbunden. Er braucht keine Beziehung zu dem zu haben, was ihm vorausgegangen ist oder was ihm folgen wird. Er ist für sich selbst wichtig, nicht für das, was er zu einer musikalischen Linie oder einem musikalischen Verlauf beiträgt.
  • Jeder Verbund von Tönen ist genauso gültig wie jeder andere.
  • Jedes Mittel zur Erzeugung eines Verbundes von Tönene ist genauso gültig wie jedes andere Mittel.
  • Jedes Musikwerk ist genauso gut wie jedes andere, jeder Komponist so gut wie jeder andere.
  • Tradionelle Wertvorstellungen, Expertentum und Autorität sind bedeutungslos.2

 

Wenn wir die Wörter „Ton“ und „Musikwerk“ durch das Wort „Mensch“ ersetzen,
wissen wir, worum es im Umgang miteinander geht: uns so zu verbinden, daß wir uns nicht kränken oder abhängig machen.

Musik kann eine Oase sein.  Dazu noch:

 

  • Es besteht keine Hierarchie, die definiert, was Leistung ist. Das erlaubt vieles:
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  • Zufälle können bewußt oder intuitiv ausgenutzt werden.
  •  
  • Etwas wird selbst getan: eine Elementarerfahrung gerade für junge Leute; im Kontext mit Verhaltensstörungen3“ (oder „gestörtem Verhalten“, daß in der Improvisation völlig ungestört sein kann und man endlich einmal fair behandelt wird und Verständis findet.
     
  • Sie machen die Erfahrung, daß etwas, was sie tun, wirklich einmal in Ordnung ist und
    niemand etwas daran auszusetzen hat.
    Das Erlebte und Produzierte kann der eigenen
    Kritik standhalten.
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  • Gegenwärtigkeit: Durch die Immanenz des Augenblicks kommt sich der Spieler sich selbst näher und auch anderen, denn in jedem Augenblick der Improvisation wird eine Entscheidung getroffen. Der Spieler tut dies selbst völlig autonom und darf dies auch ausdrücklich selbst tun. Er rezipiert, antizipiert, interpretiert, partizipiert.
  •  
  • Ruhe und Bewegung dürfen sich abwechseln, sooft man möchte: dadurch stellt sich Entspannung ein, da jeder seinem Bedürfnis so nachkommen kann, wie er möchte.
  •  
  • Durch das Decken dieser Grundmotive erhöht sich die Wahrscheinlichkeit zum Finden von Gesprächsanlässen. Die Gruppe darf in der Reflexion z.B. sagen, was sie gut oder weniger gut fand. Vielerlei andere Gesprächsanlässe, - hinsichtlich des eigenen Befindens, Gruppenbefindens, der Gefühle der Teilnehmer- können sich ergeben und thematisiert werden. Man kommt ins Gespräch, ist wichtig und darf sich angenommen fühlen.

 
Gruppendynamik 
Musik schafft Vertrauen und Einheit, wie man zum Beispiel an Musikanten in Fußgängerzonen
sehen kann: die Leute wenden sich zu ihnen hin und wenn es ihnen gefällt, bleiben sie länger
stehen.

 

Warum läuft eine Menschenmenge hinter einer Kapelle her?

So ziemlich jede Gruppierung von Menschen hat bestimmte Lieder, in denen sich die Gruppenidentität
manifestiert: ob nun die Fremdenlegion oder der Taubenzüchterverein, ob Neofaschisten oder
Attac- Gruppen.

 

Peer- Groups von jungen Leuten beziehen ihre Gruppenidentität zum großen Teil direkt aus Liedern, egal, ob mit Text oder ohne. Durch diese Tracks, über die sie sich definieren, haben sie eine Möglichkeit, sich ihrer Umgebung zu erklären, aber auch sich gegen ihre Umgebung abgrenzen zu können.

Peer- groups werden sehr oft sogar nach Musikstilen gebildet und geformt (was oft einen hohen Grad an Fremdbestimmung hat), aber auch geformt nach dem Gemütszustand, dessen Ausdruck zum Beispiel Musik ist.

 
Wer gerne Opern hört, wird kaum in Kontakt mit Death- Metal- Hörern kommen, ein HipHop-Hörer wohl ebensowenig.

 

Außer in der Gruppenimprovisation:

Hier gibt es nicht den Zwang, sich über Äußerlichkeiten zu
definieren und kann tun, wonach einem ist.

Das kann zunächst große Skepsis der Teilnehmer bedeuten, ist aber auch eine gute Chance oder wenigstens ein Beitrag, sich von vereinnahmenden Kriterien- die andere „für“ uns bereits definiert haben, nur nicht wir selbst- zu befreien.

Bei Improvisationen in der Einzel- und Gruppen- Musiktherapie handelt es sich um musikalische
Spiegelung der Teilnehmer (musikalische Antwort/Frage) oder ihres Zustandes in einem
psychomotorischen Ausdruck.


In der Einzeltherapie geht es oft um Behandlungen durch Schall, zum Beispiel mit Klangschalenwobei
der Körper des Behandelten oft als Resonanzkörper dient und dieselbe Person eine
angenehme, wohltuende, entspannende Wirkung verspürt.

 

Hier hat Musik vorwiegend rezeptiven Charakter.

Sender und Empfänger sind hier nicht in Personalunion, sondern nur einer gibt und nur einer nimmt.

Dazu ist ein großes Vertrauen des Empfangenden nötig, ähnlich dem, wenn wir zum Friseur gehen, den Kopf in den Nacken legen, die Augen schließen und die Kehle frei ist- wir also verletzlich und wehrlos sind

 
Ich beschränke mich in diesem Artikel also auf die Gruppe, wo jeder parallel Sender und auch
Empfänger sein darf und sogar sein muß, sonst funktioniert der gegenläufige Prozeß nicht:
 
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  • Improvisation für die interpersonale Auseinandersetzung (bzw. ZUSAMMENSETZUNG) und Begegnung
  •  
  • Improvisation als Profitmöglichkeit für die Personen; auch als Gruppe; durch den Zugewinn musikalischer Mittel als Expressionsmittel.

   
Durch Zuhören und antworten beim Musizieren als auch schon beim Ankündigen der Regeln
kann man diese Erfahrungen machen:

 

  • Vertrauen und Akzeptanz durch die Intimität des musikalischen Zirkels
  •  
  • Sensibilisierung für das Gehör und die Kognitionen, völlig neue Selbst- und Gruppenerfahrungen stoßen dies an.

 

  • Praktisches Üben von Empathie durch rezeptive und gebende Aktion; erfahren einer emotional- akustischen Spiegelung.

 

  • Sinneswahrnehmungsübungen (z.B. Trommeln mit geschlossenen oder verbundenen Augen)

 
Da die Improvisation ein gegenläufiger Prozeß des parallelen Gebens und Empfangens ist (es wird
nicht „genommen“, sonst würde ja etwas fehlen), besteht die Möglichkeit, daß gruppendynamische
Prozesse beschleunigt werden und innerhalb der Fairnessregeln, die erklärt werden, wesentlich
gesünder verlaufen anstelle einer allzuoft kranken Gruppendynamik, wie wir sie in Hierarchien,
Gefangenenwesen, Heimen vorfinden, in denen sehr oft die Bewohner allein schon aufgrund
ihrer Aufenthaltsdauer, Traumata und der Fluktuation die Phase der Vertrauensbildung gar nicht
erst erreichen oder beim geringsten Anlaß immer wieder in frühere Phasen zurückfallen und dort
nicht herauskommen können. Wir erhöhen ihre Chancen also mit Improvisation.

Sie kann für die Entwicklung der Gruppendynamik eine Art Katalysator sein: die Reaktion
beschleunigen, ohne sie zu beeinflussen.

 

Handelt es sich um keine einmalige Sache, kann Improvisation direkten Einfluß nehmen und
Gruppenmitglieder in Kontakt bringen, was ohne das Medien „Musik“ oder „Instrument“ nur
mit größeren Schwierigkeiten machbar gewesen wäre.

  
Die Teilnehmer können z.B. herausfinden, daß sie sich musikalisch verstehen, es kann Gelächter
geben. Oder mit dem Leiter darf herausgefunden werden, was sie nun daran hindert, sich ins
Einvernehmen zu setzen und eine gemeinsame Plattform finden, um dieses Verständnis zu
vertiefen oder zumindest den anderen zu akzeptieren, auch, wenn man ihn (noch) nicht versteht.

 


Improvisation als pädagogisches Vehikel hilft:

 
Der Zwang, eine bestimmte Rollenerwartung anzunehmen, besteht nicht, weil es kein
„richtig“ oder „falsch“ gibt.

Es ist erlaubt, frei zu sein und seine Freiheit zu benutzen.

 

  • Soziales Lernen: gemeinschaftliches Handeln kann im besten Fall erzielt werden.

Halten an die Gruppenregel und Fortsetzung des Anwendens der Gruppenregel in Alltagssituationen, dominante  Personen lernen, sich einzuordnen, allzu gehemmte können sich öffnen und behaupten, weil sie menschliche Akzeptanz finden. Damit ist die Notwendigkeit, zu konkurrieren entfallen.

 

  • Latentes Lernen: Durch Ausprobieren mehrerer Instrumente werden z.B. Berührungsängste abgebaut, Präferenzen können gebildet werden. Man kann Annahme erleben und seine Kompetenzzunahme beobachten.
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  • Freude erleben in einer gemeinschaftlicher Begegnung- die Begegnung angenehm finden: Andere Menschen angenehm finden anstatt als Bedrohung, Konkurrenz, Risiko. Gruppenimprovisation als Übung zu persönlicher Wertschätzung.

 

Abgesehen von den Regeln des John Cage bringt allein schon das einfache Gesetz zum Zuhören und Angehörtwerden in der Übertragung Wertschätzung, Ausgleich- Anlaß genug für Annahme in und von Beziehungen und vor allem ersteinmal zum Eintragen von Synchronität in die Kommunikation statt asynchronen Verzerrungen, mit denen es wir immerzu zu tun haben und die uns alle auf die Dauer durch Beschränkung krankmachen.

 
Instrumentierung

 
Der Instrumentalisierung in Pädagogik und Therapie kommt daher eine Elementarbedeutung zu.
Grundsätzlich ist alles möglich-sozusagen von der Mülltonne bis zur Orgel, denn jeder Ton ist ja
erlaubt.

 
Nur sollten die Instrumente an die motorischen Fähigkeiten und Vorerfahrungen (Vorwissen)
der Teilnehmer angepaßt sein.

 

Wichtig ist die Spielbarkeit der Instrumente: sie sollten spontan bedienbar sein und
„fehlertolerant“ sein: Ein Mensch mit unausgebildeter Motorik soll z.B. ein Instrument haben
können, daß er greifen und bedienen kann, sonst wird er wenig Freude daran haben. Es ist gut,
wenn eine große Auswahl an „einfachen“, robusten Instrumenten zur Verfügung steht, die
„Bedienungsfehler“ nicht übel nehmen und z.B. nicht gleich verstimmt sind, so wie ein
Saitenklinger.

Man kann von den allermeisten Teilnehmern nicht erwarten, daß sie motorisch in
der Lage sind, eine Piccoloflöte zu bedienen. Also erfordert die Handhabbarkeit eine Art
minimalistischen Konsens, so, daß die Auswahl der Instrumente wirklich auch für alle verfügbar
ist. Damit hält man der Gruppe einen gewissen Variationenreichtum offen.

 

Für erste Improvisationen kommen jedenfalls Fellklinger, also viele Arten von Trommeln wie
Djembe, Congas, Bongos, Snarebox etc. sowie alle Selbstklinger wie Klanghölzer, Xylophon,
Vibraphon, Metallophon, Kastagnetten, Triangeln, Tamburin usw. in Frage.

 

Man kann die Instrumente natürlich auch selber (nach-)bauen (in ebenso improvisierter Weise),
z.B. Resonanzkörper und ein Fell und Schlegel dazu oder durch das Aufhängen von
verschiedenen oder verschiedenartigen Metallröhren an einen Träger.

Diese können sogar (pentatonisch) gestimmt werden durch Eichen mit dem Elektro-Stimmgerät und dem Verkürzen
des Rohres, bis der Ton stimmt. Von der Kreativität hängt es ab, was wir finden und einsetzen.

 

Für Gruppen ohne musikalisches Vorwissen sind natürlich Trommeln und das Benutzen von
pentatonischen Instrumenten angebracht: hier fehlen z.B. bei Metallophonen oder Xylophone die
Halbtöne.
 

 

Die betreffenden Stäbe nimmt man einfach aus den Instrumenten heraus.
In Pentatonik stellen sich Harmonien zum Erstaunen der Teilnehmer (auch zu meinem
Erstaunen) rascher ein als mit Tonleitern, in denen Halbtöne vorkommen, denn der Einbau von
Halbtönen erfordert Grundwissen aus der Musiklehre. In der pentatonischen Improvisation kann
man ohne dieses Wissen auskommen und das erleichtert die Improvisation mit musikalisch
unerfahrenen oder skeptischen Teilnehmern bedeutend.

 
Man kann so niederschwellig gehaltene Angebote machen, die gerade Teilnehmern, die zum
Vermeiden oder Aufgeben neigen, schöne Erfolge und Freude bescheren können.
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Bei wenig erfahrenen und jüngeren Gruppenmitgliedern sollte die Instrumentierung aus etwa
gleichlaut klingenden Instrumenten bestehen, damit jeder dieselbe Chance hat, sich artikulieren
zu können.

Zu einer Trommel paßt also eine weitere, anders konstruierte Trommel, zu einem Metallselbstklinger passen z.B. Klanghölzer oder andere Holz- und Metallselbstklinger.

Andererseits ist es so, daß Lautstärke in einer Gruppe erfahrungsgemäß wellenartig auch wieder leiser wird, so, daß sich auch leisere Instumente durchsetzen können, sofern die anderen Teilnehmer schon genug Rücksicht aufbringen können.


Durchführen einer Improvisation

 
Eine Empfehlung an Anfänger wie mich wäre:
Mehr als drei ungefähr gleichstarke Spieler sollten nicht zusammenkommen8. Andere7 sind der
Meinung, das Improvisation auch in Großgruppen mit ca. dreißig Personen gut möglich sind.
Als jemand, der von Musiklehre keinen Schimmer hat, würde ich jedenfalls eine Improvisation
mit insgesamt drei Personen vorziehen.

 
Auch ohne formale Musikkenntnisse würde ich als Improvisationsleiter das Einhalten einer Vier-
Phasen- Folge5 beherzigen wollen (schon aus dem Grunde, damit Gesprächsanlässe wirklich
wahrgenommen werden können, auch vor dem Hintergrund des richtigen Zeitpunktes dafür):

 
1. Experimentierphase: Kontakt- und Fühlungsnahme mit einem Instrument

 
2. Besinnungsphase: Verständigung z.B. über Instrumentalisierung, Vereinbarungen,
evtl. Themensetzung, kurze Absprachen hinsichtlich
Instrumentierung, Gruppenzusammensetzung.

3. Musizierphase: Call and response: Einsteigen auf das Gehörte, akustisches
gegenseitiges Ermutigen.

 
4. Reflexionsphase: Austausch über das zuvor Erlebte. („was fand ich gut, was nicht“- der Leiter hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß Erlebtes nicht zur herabsetzenden Kommtierung von Mitspielern führt- siehe oben: keine Hierarchien! Das Sprechen über das Erlebte kann vielmehr dazu dienen, Widerstände zu thematisieren, auf die die Teilnehmer gestoßen sind. Der Leiter fragt nach den Regeln des aktiven Zuhörens nach und paraphrasiert z.B. das von den Gesagte.

 

„Wer sich auf die Improvisation eingelassen hat, unterliegt einem unentrinnbaren Prozeß der Offenbarung seiner selbst1

 

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Gruppenimprovisation, Übungen in fünf Schritten, Beispiel:


Wichtig dabei ist schon, daß man einen Kreis formiert und jeder jeden ansehen kann. Tische o.ä.
dürfen nicht zwischen den Teilnehmern stehen. Allein damit baut man Barrieren ab und läßt
Aggressionspotential gar nicht erst entstehen. Auch muß sich niemand nach dem anderen
umdrehen, alle sind gegenwärtig, damit anwesend und aufmerksam.


I. Einige Übungen vom Einfachen zum Schwierigeren:

 

  • Einen Begriff, der z.B. in einem Gespräch gefallen ist, mit Klängen darstellen: Dorf, Fluß, Beton, Verkehr, Stress, Erholung, Meer, Strand, Arbeit, Raumschiff uvm.
  • Ein Gefühl in Klänge kleiden: ein Begriff wie Wut, Liebe, Trauer, Furcht, Angst, Unsicherheit, Zugewandtheit kann genannt werden und dann klangmäßig nachempfunden werden
  • Alternativ kann in rascher Folge eines der Wörter genannt werden und daraufhin von allen Teilnehmern dargestellt werden.
  • Ziele können sein:
    Hilfe dazu, Gefühle verbalisieren zu können. Teilnehmern, denen die Sprache oder die
    sprachliche Gewandtheit fehlt, dürften hier Erleichterung verspüren. Hemmungen, die der
    Verbalisierung im Wege stehen, können abgebaut werden.

 

  • "La Ola - die Klangwelle" 

Ein Spieler beginnt mit leisem Spiel, wird lauter und wieder ganz leise. Der nächste
Spieler spielt genauso auf seinem Instrument. Er darf aber erst einsetzen, wenn sein
Vorgänger den lautesten Punkt gespielt hat, alternativ, wenn sein Vorgänger fertig ist bzw.
ausklingt. Jeder gibt sein Signal lückenlos an den nächsten Spieler weiter.
Ziele: Zuhören und Wahrnehmen, aufnehmen und fortsetzen eines Signals, eingehen auf den
Vorgänger, Aneignen der Gruppenregel des Aufeinander- Hörens.

 

  •   "Die Klangmaschine"

"Wir sind eine Klangmaschine. Man kann diese Maschine einschalten und mit ihr spielen.
Die Klangmaschine kann ganz verschiedene Klänge erzeugen, je nach dem, ob man sie
komplett oder nur teilweise zum Klingen bringt. Die Klänge lassen sich auch mischen."
Die „Maschine“ kann in zusammen oder in der Folge in vorher abgesprochenen kleinen
Gruppen (die z.B. für bestimmte Geräusche nach den Kriterien „laut- leise“ zuständig sind),
„konstruiert“ werden.

 
Ziele:
Klangbild der Instrumentengruppen einprägen, Ausdrucksmittel der Musik kennenlernen und
ausprobieren. Wechsel von Instrumenten. Improvisation kurzer Sequenzen. Evtl.
Zusammenstellung von Gruppierungen.
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  •   „Die Außerirdischen“

Ansage an die Gruppe: „Stellt euch vor, ihr seid Außerirdische und habt Eure
Instrumente als Stimme und Sprache- was würdet Ihr sagen, wenn Ihr auf die Erde/ an
diesen Ort kämet?“

Ziele:
Wie auch vorige (z.B. Verbalisierungshilfe)!

Es kann dazu kommen:

 

Gesprächsanlaß über Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit einer Situation als „Außerirdischer“; über sich sprechen
können, zu seinem eigenen Experten werden.

 
II. Kommunikationsübung in fünf Schritten mit Trommeln aller Art6:

 
1. Ankündigung: „Jetzt wird ordentlich getrommelt“: Wie nehmen die Leute die
Aufforderung auf? Ungehemmtes Losspielen, Zurückhaltung, festhalten an einem
bestimmten Rhythmus, Dominanz, usw. Hier kann der Leiter sich ein Bild über die
Gruppe machen.

 
2. Aufgabe: Gemeinsam mit dem Trommeln beginnen und gemeinsam aufhören ohne
besondere Abrede oder Zeitdauer.

 
3. Zwei Phasen, durch deutliche Pause voneinander getrennt: eine Phase soll länger sein als
die andere. Herausforderung an die Gruppe: Koordinierung von Länge und
Zusammenspiel,

 
4. Zwei Phasen, durch deutliche Pause voneinander getrennt: eine Phase soll länger sein als
die andere und eine Phase soll dazu noch lauter bzw. leiser sein als die andere.
Kann mit geschlossenen Augen gespielt werden.

 
5. Erfinden von Anschlagsarten auf einem Instrument ( wischen, : Gesten, Intensität,
´ psychischer Ausdruckswert. Wunsch nach Ergänzung, Fortsetzung.
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Eigene Erfahrung mit musikalischer Improvisation

 
1988 war ich einmal auf einem großen Reggae-Open- Air- Festival (mit Linton Kwesi Johnson, Steel Pulse uva). Ich sah, daß an einem Lagerplatz einige Trommeln- teils aufgeständert- umherstanden (Congas, Djembe, Bongos) und sah
auch, daß sich einige Leute daran zu schaffen machten.

Die Gruppe von anfangs fünf Personen schrumpfte auf drei.

Hin und wieder, in völlig unregelmäßigen Abstand wechselten sich Personen ein. Jeder war willkommen. Ging jemand weg oder ruhte sich aus, so fand sich jemand anderes, der weitertrommelte. Das ging über eine Zeit von ca. zweieinhalb Tagen, fast ohne Unterbrechung.

Ich gesellte mich dazu und probierte ein wenig herum, während die anderen beiden weiterspielten. Es dauerte gar nicht lange, vielleicht eine Viertelstunde, und ich war „drin“: in dem, was die Mitspieler taten. Ich stellte fest, daß man sich abwechseln konnte: eine Art Frage- und Antwort- Spiel.

Rief man jemand musikalisch, so antwortete derjenige prompt und zwar genau derjenige, der auch gemeint war. Augenkontakt war dazu nicht erforderlich. Es funktionierte einfach. Wechselte jemand ein, bedurfte es keiner Absprachen- es fügte sich einfach. Es wurde nicht ungeduldig gewartet und auch nicht gedrängelt. Jemand hörte z.B. auf, wenn das Thema erschöpft oder zuende war und dann machte man Platz oder wechselte an ein anderes Instrument.

Jeder durfte alles machen und es war nicht zu unterscheiden, ob jemand viel oder wenig Erfahrung mit einem Instrument hatte -- es war auch völlig egal, weil jedermann vollen Respekt hatte. Ein Spieler nahm ein paar Klanghölzer, für die bislang niemand Interesse zeigte- da waren wir also zu viert- und spielte damit einen sehr einfachen Rhythmus, über sehr lange Zeit, veränderte ihn kaum.

 

Auch er war trotz oder wegen seiner Bescheidenheit dabei, denn er trug alles mit und brachte so etwas wie eine Leitschnur mit, an der sich allerdings niemand festhalten mußte. Er war unser stetiger Begleiter- und war gut zu hören, obwohl die anderen Instrumente (v. a. die Djembetrommel) sehr viel lauter waren bzw.lauter sein konnten als die Klanghölzer.

 
Lautstärken wechselten von Spieler zu Spieler ab oder man gab gelegentlich alles, was gemeinsam an Lautstärke drin war.
Nach (geschätzten) vier Stunden ungefähr „schwamm“ ich in dem, was alle taten: Was ich selber mit meinen Händen machte, brauchte keine bewußte Kontrolle mehr, es ging von selber und automatisch. Hören und tun war eins. Ich konnte „abschalten“.

Wenn ich einmal unterbrach und kurz wegging, ging ich wie auf Wolken, völlig drogenfrei übrigens. Es gelang mir mehrfach, über den Platz -leicht bergab- schnell zu laufen, ohne über die zahlreichen Zeltschnüre zu fallen. Der Vestibulärsinn wurde wohl auch angesprochen und trainiert. Einige Umstehende meinten, als sie das sahen: „He couldn´t be white...“

 
Gesprochen haben wir Spieler übrigens fast gar nicht miteinander, auch nicht zwischendurch. Es war nicht nötig. Díe ganze Improvisation dauerte viele Stunden, mit Schlafpause war ich an gut zwei Tagen die allermeiste Zeit dabei und hatte nach einiger Zeit lauter Blutblasen an den Händen (die ich allerdings kaum gespürt habe).


Erfahrungen aus dem Unterricht

  Thema „Improvisation“ und „Trommeln im Musikunterricht: Skepsis bei vielen Teilnehmern:
„Was soll´n das/ So´n Quatsch/Wofür is´n das gut/ Da lernt man doch nix.“
 

Freude bei mir: endlich was tun, endlich nicht mehr bloß herumsitzen, Bewegung.

 

Angefangen haben wir mit dem, was ich oben als Kommunikationsübung beschrieben habe (siehe oben: Kommunikationsübung mit Trommeln aller Art, in fünf Schritten) und setzen dies in den folgenden Wochen bis zum fünften Stadium fort.

Festzustellen war: Es gab anfangs eine ganze Menge Schüchternheit und Skepsis, viele waren noch nie mit solchen Instumenten und Dingen in Berührung gekommen. Man hielt anfangs an einem einfachen Metrum fest, die Erstarrung löste sich endgültig erst in der dritten/vierten Veranstaltung. Nach und nach befreiten sich also einzelne davon, die immer mehr wurden und die Gruppe wurde insgesamt experimentierfreudiger und traute sich mehr zu.

 
Es bildeten sich zwischenzeitlich „Fraktionen“ heraus: sowelche, die lieber Musik auf sich einwirken ließen, sich eher mit leiseren, getrageneren Klängen und langsamen Tempi anfreunden konnten und sowelche wie ich, die es gerne ein bißchen lauter und schneller hatten.


Auf die anfängliche Anforderung hin, „einfach mal loszutrommeln“, konnte ich rasch sehen bzw. hören, wer z.B. eher introvertiert oder extrovertiert ist, wer Hemmungen hatte, wer bereit war, sich auf das Unbekannte einzulassen. Im Laufe dessen sah ich mich rasch genötigt, mich einbißchen zurückzunehmen, damit nicht andere lautstärkenmäßig untergingen und ihre Stimme so verloren, ferner nahm aber auch die Experimentierlust einiger zu und auch ruhigere Personen faßten langsam Zutrauen und versuchten sich an lauteren Instrumenten, die sie anfangs sicherlich nicht ohne weiteres angefaßt hätten.  

 

Zwischendurch wurde zwei- oder dreimal eine „La-ola“- Welle ausprobiert, jeder kam also an die Reihe. Dann konnte man dazu übergehen, ein Stück gemeinsam zu beginnen und gemeinsam zu beenden (Schritt 2). Die anderen Übungsschritte, wie schon oben beschrieben, gingen wir ebenfalls durch.

  
Einige Teilnehmer bildeten Präferenzen. Ich auch- den Klang von Stahlttrommeln fand ich schon immer anrührend (ich hätte mir gewünscht, sie öfter einbauen zu können- mit der Vielzahl von Flächen zu hantieren, ist allerdings auch nicht ganz einfach), als Einfach- Variante der Steeldrum gab es noch einen großen Blecheimer (dessen Klang von einigen Teilnehmern als zu laut und scheppernd empfunden wurde. Das Ding machte dumpfe Bässe und wummerte schön, so daß man damit einen anhaltenden grollenden Klang erzeugen konnte. So blieb mir glücklicherweise noch die Snare- Box- ein Instrument, daß laut und leise sein kann und aus dem man eine Vielzahl von mittleren und tiefen Klängen herausholen kann. Mit diesem Instrument freundete ich mich immer mehr an. Vielleicht baue ich mir so ein Ding und kann mir auch vorstellen, sowas gemeinsam mit den Jungs zu tun, die ich zu betreuen habe. Vielleicht klappt´s eines Tages, wenn nicht immerzu der Alltag dazwischen kommt und man anderweitig improvisiert- mit den Regeln von Herrn Cage hoffentlich. 

 

Inspiration:

 Wolfgang Schmidbauer: "Die einfachen Dinge", dtv, München 2003

Quellen und Zitate:

  • 1 Peter Wicke/Wieland Ziegenrücker: „Handbuch der populären Musik“, 3. Auflage, Leipzig 1987, VEB Deutscher Verlag für Musik, S. 214 ff.
  • 2 Helmut Kapteina, in: „Dimensionen der Gruppenimprovisation“, S. 75
  • 3 Peter Michael Hund: „Durch Musik zum Selbst“, S. 179
  • 4 Helmut Kapteina in: „Dimensionen der Gruppenimprovisation“, S. 76
  • 5;6;7 Barbara Gabler : „Interaktionspädagogik-Methoden und Modelle, München1975; Kapitel: „Praxis der Gruppenimprovisation“.
  • 8 Peter Michael Hund: „Durch Musik zum Selbst“, S. 41

 

 © Thomas Demuth


 

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