Interviews von damals

 

 

 Doku: Drei Interviews aus dem Jahre 2007.

 

Die Titel der Interviews legten die Bewohner fest. Wir befragten uns gegenseitig.

Es war vielleicht nicht soo superprofessionell, aber es war so gut, das ich das Gesprochene

dann doch simultan mitschreiben mußte, damit uns nichts entging.

Es ist hier nur mit ganz geringen Veränderungen wiedergegeben.

Die Namen meiner Interviewpartner sind, wie immer, anonymisiert und pseudonymisiert.

Mittlerweile liegen unsere gemeinsamen Lebensmittelpunkte an ganz verschiedenen Orten.

Über vieles denke wahrscheinlich nicht nur ich völlig anders als damals und habe neue Haltungen entwickelt.

 Zum Beispiel würde ich manche Fragen nun anders stellen wollen.

 

 "Alles Gute" für "meine" Jungs!  Wie schön, das Ihr da wart!

  

"Raus aus´m Gangsterleben?"

   Interview mit Bewohner Lukas. Interview: Thomas Demuth

 

 Thomas: Wie kommt es, daß Du in einer Wohngruppe lebst?

 Lukas: -Ganz einfach: Ich hatte in der Stadt meine Zukunftsaussichten verbaut: schulische Chancen. Das Schulamt bekam mich in keine Schule mehr ´rein. Danach war ich beim Jugendamt. Sie haben mich dann direkt hierher transportiert.

 Thomas:  --Wie, sie haben Dich einfach hierhertransportiert, ohne nach was zu fragen??

 Lukas: Doch, schon. Sie haben mich gefragt, wie meine familiäre Lage ist, aber es lag nicht an meiner familiären Lage, sondern an mir, weil ich viel Scheiß gebaut habe.

 Thomas: Aber sie haben Dich doch nicht gleich in die Wg verfrachtet, oder?

 Lukas: Nee, es hat schon seine Zeit gedauert. Sie mußten überlegen, wo´s am besten ist.

 Thomas: Und was hast Du so ausgefressen?

 Lukas:  Ich bin zwar nicht stolz drauf, was ich gemacht habe, aber es haben sich einige Leute was verdient.

 Thomas: Was denn zum Beispiel?

 Lukas: Wir haben Leute aus Langeweile beraubt, geschlagen, es herrschte Krieg gegen andere Viertel oder herrscht immer noch.

 Thomas: Was haben denn nun die besagten Leute verdient? Kloppe, Koksgeld oder was?

 Lukas: Nö, ´ne Tracht Prügel und die haben sie auch gekriegt.

 Thomas: Entspricht das denn dem Motto "Raus aus dem Gangsterleben"?

 Lukas: Ich bin schon mit dem halben Körper auf dem richtigen Weg, aber irgendwie komme ich auch nicht ´raus. Ich kann meine Freunde nicht im Stich lassen, weil ich kein Verräter bin.

 Thomas: Wie willst Du es dann machen: nach dem Motto "Wasch´ mich, aber mach mich nicht naß?

 Lukas: Wenn ich eine Ausbildung habe, dann kümmere ich mich voll und ganz um meine Arbeit. Danach bin ich für alles andere bereit.

 Thomas: Aber es ist dann doch ganz schön schwer, so ein Doppelleben zu führen, oder?

 Lukas: Viele meiner Freunde haben eine Ausbildung und sind in unserer Clique.

 Thomas: Haben die Jungs Arbeit?

 Lukas: Ja, achtzig Prozent haben Arbeit.

 Thomas: Wie kommst Du an ´ne Ausbildungsstelle dran?

 Lukas: Das bleibt mein Geheimnis! Arbeit gibt´s genug.

 Thomas: Was wäre denn das zum Beispiel?

 Lukas: Diese Frage will ich nicht beantworten.

 Thomas: Na gut, jetzt zu etwas völlig anderem: Was machst Du denn sonst gerne?

 Lukas: Also: ich schreibe gerne Raps, ich nehme gerne was mit meinen Kumpels auf und wir verbreiten es im Internet.

 Thomas: Was sind die Themen in Deinen Texten?

 Lukas: Wenn ich rappe, rappe ich über das Leben, gegen den Krieg und über meine Situation, wie das alles kam.

 Thomas: Wie alt oder jung bist Du jetzt?

 Lukas: Geht keinen was an.

 Thomas: Wo willst Du sein, wenn Du mal 40 bist?

 Lukas: -In der Kneipe, sauf´ mich da zu. Nee, Spaß, Mann. Bis dahin möchte ich ein Haus gebaut haben, eine Familie dazu und eine Arbeit, womit ich meine Familie ernähren kann.

 Thomas: Träume? Gibt´s welche?

 Lukas: Ja, normal! Ein Rapper möchte ich werden!

 Thomas: O. k., viel Glück  wünsch´ich Dir!

 Lukas: -Also, hau´rein!

 

 

 

Ferhat geht seinen Weg

 Interview mit Bewohner Ferhat. Interview: Th. Demuth

 

 Thomas: Ferhat, wie lange wohnst Du schon in der Jugendwohngruppe?

 Ferhat:   Ich bin seit fünf Jahren hier.

 Thomas: Wie kam das?

 Ferhat:   Ich bin mit der Schule nicht klargekommen, habe auf alles geschissen und jetzt habe ich mich hochgearbeitet.  Jetzt habe ich meinen Weg gefunden.

 Thomas: Was tust Du jetzt?

 Ferhat:   Ich arbeite jetzt bei Mercedes- Benz als Praktikant im Lager für Autoteile.

 Thomas: Was erhoffst Du Dir davon?

 Ferhat:   Das ich halt ´ne feste Stelle kriege, Geld verdienen kann, später mal meine Familie ernähren kann-- und: das ich mal einen BMW fahren kann!

 Thomas: Hast Du Deinem Chef schon erzählt, daß Du BMW-Fan bist?

 Ferhat:   Ja, aber die haben gemeint, ich hätte keine Ahnung von Autos und Mercedes wäre das Beste, meinen die natürlich. Besser,man redet mit denen über sowas nicht. Nur über Mercedes kann man mit ihnen sprechen. Dann reden sie wie ein Wasserfall.

 Thomas: Du bist schon 19 Jahre alt. Was für Pläne hast Du?

 Ferhat:   Ich meine, man muß halt klarkommen irgendwann.Ich muß halt sehen, daß ich Geld verdiene und ´ne eigene Wohnung habe, Miete, Steuern, Versicherung bezahlen kann.

 Thomas: Hartz IV?

  Ferhat:   Ich sage dazu nur: sowas kommt in meinem Plan nicht vor! Für ältere Leute ist es in Ordnung, oder welche, die nicht arbeiten können. Oder für welche, die sich um wenigstens um Arbeit bemühen. Nicht für sowelche, die auf der faulen Haut liegen und nicht arbeiten wollen. Ich halte das für dumm.

 

 

  Thomas: Auf welche Art von Musik stehst Du?

 Ferhat:   Electric Boogie, Freestyle, R´nB, HipHop. Quer durch den Gemüsegarten.

 Thomas: Auch Death-Metal?

 Ferhat:   Nee, eher Breakdance- Musik wie Flying Steps oder so.

 Thomas: Ist das nicht dieser Tanz, der aussieht, als würde jemand eine Radkappe klauen?

 Nihat:   Nee, um Gotteswillen. Das ist ein Tanz, für den man einen bestimmten Stil haben muß. 1995 habe ich damit angefangen, bis 2006 ging das so.

 Thomas: Was begeistert Dich daran?

 Ferhat:   Breakdance ist Gemeinschaft. Man arbeitet zusammen im Team. Die Musik, der Rhythmus, die akrobatischen Bewegungen bringen es. Es fasziniert mich einfach. Ich würde es jedem weiterempfehlen und habe einige Jahre auch anderen Jugendlichen Breakdance beigebracht und wir hatten etliche Auftritte. Es freut mich, wenn ich es anderen beibringen kann. Es ist besser, den Jugendlichen Breakdance beizubringen anstatt das sie Scheiße bauen und sie Langeweile haben.

 Thomas:: Was würdest Du den Jugendlichen raten, die nach Dir hier einziehen?

 Ferhat:   Ich habe eine Antwort dazu: das sie die Jugendhilfemaßnahme voll nutzen sollen und sehen sollen, daß sie Arbeit haben und Geld verdienen. Sie sollen ihr Leben in den Griff kriegen und sollen nicht von anderen geldmäßig abhängig sein. Sie sollten auf die Erzieher hören und den Empfehlungen der Jugendämter folgen- die Hilfe annehmen, die sie benötigen. Ich hatte selbst viel Schwierigkeiten, aber ich hab´ was daraus gelernt.

 Thomas: Würdest Du im nächsten Leben wieder in die Jugendhilfe reinwollen?

 Ferhat:   Nur, wenn´s unbedingt nötig ist. Aber wenn, dann nur in die Wohngruppe, weil ich es dort voll in Ordnung finde.

 Thomas: Vielen Dank, Ferhat.

  Ferhat:   Kein Problem.

 

 

 

„Egal, was passiert- er ist motiviert“
   Interview mit Erzieher Thomas Demuth. Interview: Ferhat/ Lukas.Titel: Lukas.
 

 

Ferhat: Was war deine erste Grundausbildung? 

Thomas: Ich hab´ Maler und Lackierer gelernt. Die meiste Lehrzeit habe ich damit verbracht, Gipskarton zu spachteln und zu grundieren. Hinterher wurde es besser.

Lukas: Warum hast Du den Malerberuf aufgegeben und bist dann Erzieher geworden?

Thomas: Das ist ´ne lange Geschichte. In der Lehre ging´s einmal im Jahr zum Lehrgang. Ich fand klasse, was die Ausbilder dort mit uns machten und ich dachte, sowas will ich später auch mal machen. Hab´ ich dann auch, mit benachteiligten Jugendlichen. Ich hatte dort aber nicht die Freiheit, um jungen Leuten mehr ´rüberzubeamen und war mit dem Beruf nicht ausgefüllt. Als Erzieher geht das.

Ferhat: Macht Dir die Arbeit als Maler mehr Spaß als Erzieher?

Thomas: "Mehr", kann ich nicht sagen. Ich bin gerne Handwerker, aber das ist nicht alles. In der Wohngruppe konnte ich eine ganze Menge lernen über Dinge, die mir sonst verschlossen geblieben wären und ich bin noch lange nicht fertig damit.

Lukas: Wo hast du die Kraft und Motivation hergenommen, um das Haus zu samieren? 

Thomas: Ich wollte gern, daß unsere Jungs ein würdiges Zuhause haben. Sie sollen sich daheim wohlfühlen. Es ist ein Unterschied, ob man in einer Tiefgarage aufwächst oder in einem Haus mit guter Atmosphäre. Sie sollen sich heimisch fühlen, so wie anderer Leute Kinder, weil sie ein Recht darauf haben. Das Wort "heimisch" kommt von "Heim" und es gibt viel zu viele Leute, die entwurzelt und orientierungslos sind und keine Heimat haben.

Lukas: Hat das Renovieren und Bauen was genützt? Ich meine generell? 

Thomas: Ja, ich glaube schon. Selbst die Jugendhilfeabbrecher konnten davon profitieren, denke ich. Es ging auch vieles wieder kaputt, wir haben´s wieder instandgesetzt. Mittlerweile haben wir mit Sachbeschädigungen keine nennenswerten Probleme. Die Bewohner fühlen sich wohl, höre ich.

Ferhat: Kommst Du gerne zum Dienst?

Thomas: Ja, außer an Sonn- und Werktagen. --Im Ernst: Ich will mit niemand tauschen. Es ist schön mit dieser Horde hier. Ich habe viel Abwechselung. Langeweile kann ich nicht ertragen und hier ist kein Tag wie der andere. Manchmal kommt man sich auch vor wie nach ´nem Einsatz auf einer Bohrinsel, aber ich weiß: es nützt was.

Lukas: Kommst Du mit Deinen Kollegen klar?

Thomas: Na, sicher. Wer nicht zusammenhalten kann, geht verloren. Zuverlässigkeit ist unsere wichtigste Eigenschaft.

Ferhat: Was schreibt Ihr eigentlich in die Tagebücher ´rein? 

Thomas: -Alle besonderen Vorkommnisse, wie auf einem Schiff. Dazu alle anderen Ereignisse, Tätigkeiten, Gesprächsinhalte oder wie die Bewohner gerade zurecht sind. Das schützt vor Mißverständnissen, die ziemlich üble Folgen haben können... Vielleicht tut einem was weh oder jemand hat Ärger oder ein Problem. Alle Kollegen müssen den gleichen Informationsstand haben, sonst gibt es keine Gerechtigkeit.

Lukas: Was machst Du in deiner Freizeit? 

Thomas: Ich habe mir ein schönes Aquarium zurechtgemacht und im Sommer fahre ich gern Trike, wozu ich in der letzten Zeit kaum gekommen bin, weil ich meistens mit unserem Eigenheim beschäftigt war. Musikhören tue ich auch. Ich würde ganz gerne ein bißchen Gitarre spielen können, was ich die ganze Zeit nicht hingekriegt habe, obwohl ich so ein Ding besitze.

Lukas: Hast du einen deiner Jugendträume erfüllt? 

Thomas: Ja, einige sogar. Mit 16 habe ich mir überlegt, wie ich mal dabeisein will, wenn ich 40 bin. Ich wollte nicht so ein Zombie sein. Einiges hat hingehauen: Ich wollte ganz gerne anderen Leuten behilflich sein, Trike fahren, Rockmusik hören. Mache ich immer noch gerne. Mittlerweile ist sogar ein Häuschen an einem schönen Ort vorhanden. Ich hatte ziemliches Glück. 

Lukas / Ferhat: Peace!

Thomas: Danke!

 

 © Lukas, Ferhat, Thomas Demuth

Die Namen, die in diesem Artikel vorkommen, sind anonymisiert und pseudonymisiert. Konkrete Zeitangaben außer dem des Datums der Erstellung des Textes kommen absichtlich nicht vor.

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