Steve kommt ins Büro ´rein.

Offensichtlich ist er noch nicht fertig mit mir. Bedrohlich. Worum es geht, ist nicht klar. Nicht einzuschätzen.

 

Heute nachmittag gab´s ziemlichen Ärger im Zusammenhang mit einem weiteren Bewohner. Der Betreffende fühlte sich gestört, weil ich einen Berg von Brennholz sägte und Steve stieg in den Konflikt mit ein, ließ sich von dem Bewohner mit hineinziehen. Beim nachmittäglichen Besprechen der Situation mit beiden kam dann endlich zutage: einer fühlte sich in seiner Ruhe gestört, Steve hat es genervt, daß ich Holz sägte anstatt „zu seiner Verfügung“ zu stehen. Zum Mithelfen (zureichen, stapeln) hatte er keine Lust. Ihm fehlte die Zuwendung und mir ein Helfer. Was kommt jetzt noch?

 

Ich bitte bzw. fordere Steve zweimal auf, daß Büro zu verlassen, weil ich mich beim Schreiben konzentrieren möchte. 

 

Er bleibt stehen und kündigt an, stehen bleiben zu wollen, was ich ihm gestatte bzw. ihm ermögliche. Der andere Mitbewohner will ihn- nun hilfsbereit- entfernen, ich sage ihm, er soll ihn in Ruhe lassen. 

 

Steve bleibt also. Ich merke, daß er irgendwas hat und habe mich vom PC längst abgewandt. Steve will mit Worten und Gesten provozieren bzw. Aufmerksamkeit erregen und das geht eine Weile

Ich biete ihm an, doch Platz zu nehmen. Er nimmt sich einen Stuhl.

 

Danach folgt ein stundenlang andauernder Dialog: Wir sitzen uns gegenüber und sehen uns an. Steve versucht mich mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln aus der Reserve zu locken, er will wissen, wann ich nun endlich anfange, mich tierisch aufzuregen.

 

Das passiert nicht, gar nichts in dieser Richtung. Wozu auch?

 Ich frage nur ab und zu, nach einer ganzen Weile wird´s ein bißchen ratlos: Er beginnt ein „Nein“- „Doch“- Spiel mit mir.

Ein weiteres Kontaktangebot.

 

Ich sage ein paarmal „Nee“ und dann schreibe ich es auf einen Zettel, worauf er mündlich immerzu „Doch!“ entgegnet und da lächelt er ein bißchen, entspannt sich ein bißchen.

 

Er beharkt mich weiter, beschimpft mich ein bißchen und ich überrasche ihn damit, daß wir uns Komplimente auf Zetteln machen können. Ich schiebe Stift und Papier hin, damit er auch was draufschreiben kann.

 

Er nimmt´s. Sein Kompliment: „Fuck you“, mit einem Herzchen mit Pfeil verziert. Aha.

 

Er schreibt noch weitere Zettel in dieser Tour-mit solchen  kleinen Frechheiten, die ich locker kontere.

Aber ich bin auch für Überraschungen gut.

 Dann erwidere ich: Erstmal eine Idee, dann  eine Wahrnehmung (schwarze Ränder unter Steves Nägeln) und auch ein Kompliment: „Wie schön, daß du so friedlich bist.“
Er kann´s nicht fassen und sieht mich erstaunt an.
 

Zuvor hat er demonstrativ eine halbe Zigarette hier im Dienstzimmer geraucht, um herauszufinden, was ich tun würde, um ihn davon abzuhalten bzw. wie mein Stresspegel steigen würde. Ich hab´ ein Fenster aufgemacht und ihn auch aufgefordert, zum Rauchen ´raus zu gehen, was natürlich nicht passierte und wozu ich ihn nur um´s Verrecken hätte bewegen können.

 

Er ascht demonstrativ auf den Boden: „ist ja kein Aschenbecher da..“ und legt die noch glühende Kippe auf den Tisch, worauf ich diese hinstelle; auf den Filter, damit´s kein Brandloch gibt: „So mußt Du das machen.“ „Woher weißt´n das?“ „In der Lehre. Der Alte hat seine Camels immer so hingestellt an der Baustelle.“

 

Weitere Provokationsversuche von seiner Seite folgen, er versucht natürlich auch, mir ein bißchen Angst zu machen oder zu imponieren. Schwer einzuschätzen. Was hilft´s. Er schildert mir, daß er mich auf der Stelle killen kann, wenn er das will und ich kann nichts dagegen tun. Wie ich mich in Todesangst verhalte, weiß ich nicht und ich denke auch gar nicht darüber nach. Ist erstmal egal.

 

Die beste Möglichkeit ist, die Situation und den Jungen einfach anzunehmen, dazu möglichst gelassen zu bleiben, nicht herumzumoralisieren und auf keinen Fall zu forcieren. Keine hastigen Bewegungen, berechenbar sein. Handgreiflichkeiten dürfen auf keinen Fall sein- es würde die Situation nicht abkürzen, sondern ein Problem verlagern und noch mehr Probleme dann schaffen und das alles wäre mit einem Vertrauensverlust verbunden.

Erstmal muß Vertrauen her und hier geht´s, wie so oft, um was völlig anderes als das Gesagte.

 
Ich gehe ´raus zum Rauchen, lasse das Büro  und die Situation zurück.
Steve folgt mir eine Minute später.
 

Er setzt sich auf die Treppe und sagt, ihm geht´s schlecht.

Das hatte ich schon bemerkt und nun kann ich Gründe erfragen. Steve sagt, er habe keine Lust mehr zu leben, keine Freude daran.

Eigentlich wollte er sich umbringen und er schildert mir sehr ernst eine Selbsttötungsabsicht, die mehr ist als ein akuter Hilferuf. 

 

Ich frage weiter. Er schildert sich depressiv und zwar hochgradig und m.E. rezidivierend oder persistent depressiv. Genaueres sollte ein Arzt herausfinden.

 

Natürlich kann niemand außer Steve verstehen, was los ist, sagt Steve. Niemand…das ist schwer, weil man dann so furchtbar allein ist, sage ich.

 

Er holt ein Kirschenglas aus dem Abfall und fragt mich, ob ich wüßte, was man damit anrichten kann: ritzen, Pulsadern aufschlitzen etc.

Drinnen meint er, er müsse sich mal wieder ritzen (war in der Unterhaltung zuvor schon sein Thema, er erklärte mir, wie und wann´s passiert) und zeigte mir die Narbe am Knie: da habe er sich mit einem Messer gestochen.

Ob das sein einziger Weg ist, sich wieder zu spüren, frage ich ihn- „Nein, ich habe da noch andere Möglichkeiten“, sagt er.

Gut.

Aus dem Schrank holt er auch noch nacheinander zwei Küchenmesser, wiegt sie in der Hand, betrachtet sie genau und zieht die Möglichkeit des Ritzens in Betracht.

Nur keine hastigen Bewegungen. Locker bleiben.
 

Er fragt mich, was ich tun würde, wenn er sich ritzt.

„Erste Hilfe leisten und auf jeden Fall „112“ anrufen, damit wir Dich retten.“, sage ich.  „Du bist zu schade, um jetzt schon von der Welt zu gehen.“

 

Wir sehen uns die Kochmesser an. Also sprechen wir über Messer und nehmen sie abwechelnd in die Hand und betrachten sie. Die da sind Stahlklingen und taugen nicht viel.  So etwas benutze ich daheim nicht.  Ich erkläre ihm, warum Eisenmesser besser als solche aus Stahl sind: selbstschärfend beim Schneiden, wenn man nicht auf harten Untergründen damit schneidet wegen höheren Kohlenstoffanteil, besser schleifbar. Gottseidank ritzt er sich nicht damit. Nicht, das ich noch Druckverbände machen muß… Er wägt sie nur, erzählt von Wurfmessern usw.

Er richtet eins auf mich: „Ich habe dich aber nicht bedroht, oder?“

„Nein“, sage ich, „Du hast mich nicht damit bedroht.“, was der Wahrheit entspricht. Nach noch einer Weile legt er die Dinger wieder in den Schrank.

 

Er überlegt, statt dessen seine nichteingenommenen Medikamente auf einmal einzunehmen und kündigt mir an, daß ich ihn nicht davon abhalten werde können und das glaube ich lieber mal. Was anderes zu glauben, hat hier gar keinen Zweck. Versuche ich ihn, zu hindern, könnte ich Handgreiflichkeiten auslösen, die zu rein gar nichts führen. Also schön ruhig bleiben.

 

Er nimmt die Tabletten  aus der Dosierbox, betrachtet, zählt sie, rechnet, will von mir eine Prognose, wie die Dinger wirken, wenn er sie auf einmal nimmt. Ich kenne keine Prognose, nur, daß er Vergiftungserscheinungen haben wird. Ich weiß, daß die Dinger nicht tödlich wirken können, sehr wahrscheinlich nichtmal zur Bewußtlosigkeit führen würden- aber das verrate ich ihm nicht.

Jedenfalls konnte ich bis hierher schon deeskalieren. Das mit den Messern war gefährlicher, weil unmittelbarer. Notfalls müßten sie ihm den Magen auspumpen. Wenn kein Rettungswagen rechtzeitig zur Verfügung steht, muß ich sehen, daß ich ihn selbst transportiere und hafte dann dafür. Angst ist hier jedenfalls ein schlechter Ratgeber.

Er schiebt die Dinger in seine Tasche. Wir gehen nochmal ´raus.

 

Er will einen Spaziergang unternehmen: sein Plan ist, die Medikamente um 24 Uhr allesamt einzunehmen und für diesen Fall kündige ich an, „112“ rufen zu müssen, er will auch von mir wissen, was ich bei einem Selbsttötungsversuch unternehmen würde und er denkt sich mehrere Wege des Suizids zurecht: den zum Beispiel, wenn er allein ist.

 

Wir machen einen Spaziergang und ich bin heilfroh, daß ich mein sehr selten benutztes Handy dabei habe, denn ein anderer Bewohner hat das Telefon und soll es ruhig behalten, damit an dieser Front wenigstens Ruhe ist und ich die Möglichkeit habe, Kontakt zu halten. Steves Angelegenheit ist viel wichtiger, alles andere ist Nebensache. Wir laufen auf der Straße. Eine Katze kommt und läuft mit. Ich bin froh, daß die Katze da ist. Sie bleibt lange. Steven streichelt das Tier und spricht mit der Katze.

 

Steve will von mir wissen: was er in meinen Augen für Qualitäten habe. Ich nenne sie ihm: er ist grundehrlich, kann auch bei schärfsten Angriffen eines Mitbewohners cool bleiben- das habe ich wirklich bei noch keinem anderen Bewohner erlebt, er ist geradezu, lügt nicht, ist freiheitsliebend, ist sehr offen, hat ein großes Herz, hat Humor, man kann sich vernünftig mit ihm unterhalten, ist ein  junger Mann.

Steve staunt.
 

Ob es eine Möglichkeit gibt, Freude am Leben zu haben, will er wissen.

„Ja, wenn du dir die Möglichkeit selbst geben kannst und dich nicht mit Wahngedanken  quälst“.

Er fragt mich nun einiges mehr und wie ich mich nun verhalten werde. Ich frage ihn, ob er einen Psychiatrieaufenthalt für hilfreich halten würde. Wir erörtern es.

 

Sein Plan ist also, die Pillen zu nehmen und sich in die Psychiatrie zurückzuziehen: „ Ein paar Tage Psychiatrie wären schon nicht schlecht- in der Wohngruppe halte ich es im Augenblick nicht mehr aus, weil...“ . Mir ist es so lieber, anstatt unbegleitet mit womöglich tödlichem Ausgang, weil er noch irgendein scharfkantiges Teil findet und dann auf seltsame Gedanken kommt- deswegen bin ich ja bei ihm. Ich will ihn sichern. Seine Idee war ursprünglich, allein irgendwohin zu gehen und die Pillen zu nehmen und sich irgendwo hinzusetzen wie ein sterbendes Tier und zu warten , bis irgendetwas passiert... Wir vereinbaren, das er mich mitnimmt und das ich "112" rufen darf und Steve ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen darf.

 

Wir umarmen uns und Steve sagt mir, daß er mich mag. Es ist auch ganz schön schwer für mich, ihn nicht zu mögen, sage ich ihm.

Es ist wie ein Abschied für immer…aber ich sage ihm, daß ich möchte, daß er wiederkommt und meine das auch so. Er spielt mit den Pillen herum. Nimmt eine…“für heute abend“…noch eine…“für morgen früh“….noch eine…“nocheine für…“

Nach der ersten ist mir klar, daß der Point of no return überschritten ist und kündige ihm an, daß ich einen Notarzt rufen werde.

 

Steve sagt mir (wie auch schon vorausgegangen), das er nicht freiwillig mitkommen würde in eine Psychiatrie: „Sie müssen die Polizei holen- ich gehe nicht freiwillig mit. Ich kenne die Polizeigriffe und habe schon mal vier von denen zusammengeschwartet.“ 

 

Ich rufe also die Rettungsleitstelle und ein Ambulanzfahrzeug kommt nach ca. einer halben Stunde und, wenig später kommt ein Notarzt hinzu. Dazu sorge ich, das nicht so eine bange Stimmung während der Wartezeit auftritt, das wäre gar nicht gut. Wir erörtern einige Möglichkeiten, die er in der Psychiatrie hätte: räumlicher Rückzug, ausruhen, zu sich kommen, Besinnung zum Beispiel.

Steve erklärt den Sanis, das er nicht freiwillig mitgehen wird. Braucht er ein Drama oder geht´s auch ohne?

Arzt, Sanitäter und ich können Steve nach langer vorangegangener Unterhaltung davon überzeugen, das es besser ist, freiwillig mitzugehen (ansonsten Polizei und ein Drama mit ungewissen Ausgang). Steve steigt ein und ich frage ihn ein zweites Mal, ob´s für ihn leichter ist, wenn ich mitkomme.

Er sagt „Ja“, also hole ich das Auto, fahre eine Strecke hinterher zur Rettungsleitstelle und steige dann-wie vereinbart- in den Rettungswagen um, weil die Sanis mich nicht wieder zur Dienststelle ´raus bringen können und zur Leitstelle zurückmüssen. Im Wagen hält er meine Hand und wir sprechen einige Sätze.

Die Sanitäter und der Arzt bekommen von mir Steves Personalien angegeben und  meine Meinung zur Suizidalität: wenn das nicht ernst ist, dann weiß ich nicht, was sonst.  

Steve und ich gehen morgens um halb fünf in die Klinik hinein. (Ich muß an Janusz Korszac und meinen Besuch in Treblinka denken: hätte ich den Mumm, dasselbe zu tun wie er: mit seinen Kindern ins Feuer gehen? Ich hoffe, daß nie eine Gelegenheit kommt, an der ich´s herausfinden muß- jedenfalls weiß ich, auf wessen Seite ich stehe.)

 

Die Ärztin, die Steve aufnehmen wird, macht gerade eine andere Aufnahme, läßt sich jedoch kurz blicken und sagt, das es noch dauert. Die Sanis und Steve und ich warten noch eine ganze Weile, bis die Sanitäter sagen, das sie wieder zurückmüssen zur Leitstelle, also muß ich mit.

 
Steve und ich verabschieden und umarmen uns.
 

Ich sage ihm noch, das er den Deckel von seinen Gefühlen ´runterzunehmen soll, sonst wird´s gefährlich für ihn:

 „Depressionen sind Deckel für Gefühle“ und er meint, der Deckel sei schon halb ´runter, die andere Hälfte runterzunehmen, würde er sich noch nicht trauen:

 „Das wird sonst zuviel!“

 

(Wir sind keine Wunderfabrik, aber die Geschichte hat in der Folge einen sehr guten Verlauf genommen- Steve ist seit der Wiederkehr aus der psychiatrischen Betreuung wesentlich stabiler als zuvor, und hat- etwas ganz neues- feste Freundschaften in jungen Kirchenkreisen gefunden und hat Ehrenämter im Sport.)

 

© Thomas Demuth

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